„Ja, das ist auch das einzige, was er von mir geerbt hat“, erwiderte der Grünrock brummig.

Eine Viertelstunde später ritten die Dragoner unter Führung des Rittmeisters von Kobylinski weiter, während der Major nach der Stadt zurückkehrte, um sofort einen langen Bericht an den Obersten Generalstab zu verfassen.

Der Forstmeister nahm sich noch vor Tisch seinen ungeratenen Sprößling vor. Schon von klein auf hatte er ihm Sorgen gemacht. Er hatte keinen Trieb zum Lernen und hatte nur durch seine große Begabung die Schule überwunden. Auf den oberen Klassen hatte er bereits, von der Mutter, die ihm heimlich Geld zusteckte, verhätschelt und verwöhnt, ein lockeres Leben geführt.

Auf der Hochschule geriet er ganz außer Rand und Band. In der ersten Zeit hatte er noch in der Burschenschaft, in die er eintrat, etwas Halt gefunden. Nachdem er sich von hier getrennt, was nicht ganz freiwillig geschah, geriet er in eine Gesellschaft gleichgesinnter Kumpane, machte die Nacht zum Tage, jeute und machte Schulden. Der Vater zweifelte daran, daß Walter auch nur ein Kolleg besucht und überhaupt etwas gearbeitet hatte. Dabei besaß der Schlingel Eigenschaften, die ihn überall beliebt machten. Er war trotz seines Bummellebens ein flotter Jüngling, gewandt in allen Leibesübungen, ein flotter Tänzer und zu Hause in den Ferien ein unermüdlicher Jäger und sicherer Schütze.

Die Mutter hielt ihm dem Vater gegenüber immer noch die Stange. Sie hatte für den einzigen Sohn immer die Sprichwörter in Bereitschaft, die der Jugend das Recht zusprechen, sich auszutoben, und von dem gärenden Most einen guten Wein erhoffen. Der Vater sah tiefer. Er wußte, daß sein Sohn schon jeden Halt verloren hatte, daß er ohne jede Hemmung sich in Gesellschaften unwürdiger Gesellen, die in jeder Beziehung unter ihm standen, betrank. Das hatte er noch vor kurzem eines Abends in der Waldschänke mit dem verkommenen Gesindel, das an der Eisenbahn arbeitete, getan.

Sein häufiger Besuch dort galt natürlich in erster Linie der hübschen Olga. Sie hielt sich unter den jungen Männern, die dort nur ihretwegen verkehrten, als Blümlein „Rührmichnichtan“. Jawohl, es konnte nur ein lyrisches Intermezzo für Walter sein. Aber ebensogut konnte er an dem Mädel hängen bleiben, wenn es darauf ausging, den flotten Jüngling dingfest zu machen.

Mit großem Geschick spielte Walter vor dem alten Herrn den zerknirschten, reuigen Sünder und gelobte Besserung. Er werde im nächsten Semester sich schon zum Examen einpauken lassen und den Referendar machen. Mit der Olga sei es eine kleine unschuldige Tändelei. Das Mädel sei übrigens hoch achtbar und ließe sich von keinem ihrer zahlreichen Verehrer zu nahe treten.

Ein paar Stunden später, als der Vater weggefahren war, saß Walter wieder in der Waldschenke. Er war der einzige Gast, auch der Onkel war nicht zu Hause. Das lyrische Intermezzo zwischen den beiden sah ganz nach einem ernsthaften Liebesverhältnis aus. Mitten zwischen Kosen und Scherzen erzählte ihm Olga von dem Gespräch zwischen ihrem Onkel und dem Major, das sie durch die dünne Bretterwand belauscht hatte. Ihr Onkel werde demnächst als Spion nach Rußland fahren und damit schweres Geld verdienen. Walter zeigte dafür kein Interesse. Ihm war das Kosen mit dem süßen Mädel, das in seinem Arm erglüht war, wichtiger.

Am nächsten Abend war der Forstmeister nicht zu Hause. Walter schmeichelte der Mutter Geld ab und fuhr zu Rad in die Stadt. Die moderne Zeit hatte auch in die kleine masurische Stadt schon ihren Einzug gehalten. Es gab dort seit dem letzten Winter ein Caféhaus, in dem die sogenannte gute Gesellschaft und auch die Offiziere der beiden dort liegenden Regimenter verkehrten, um bei einer Tasse Mocca oder anderen Getränken leichte Unterhaltungsmusik zu genießen. Für Walter hatte das am Tage so ehrbare Lokal noch eine andere Anziehungskraft. Wenn der Abend vorrückte, fand sich in zwei verschwiegenen Hinterzimmern, an runden, grünbezogenen Tischen, eine recht gemischte Gesellschaft ein, die sich mit Mauscheln, Pokern, Bak und ähnlichen Unterhaltungsspielen die Zeit vertrieb, bei der die Mehrzahl derjenigen, die nicht alle werden, von einer kleinen Minderheit gerupft wird.

Walter fand bei seinem Eintritt einen großen Tisch von jüngeren Offizieren besetzt, die ihm zum Teil bekannt waren. Er wurde herangerufen und bestellte sich ein Glas Pilsener. Als die Musik um zehn Uhr schwieg, verließen die Familien das Lokal. Auch an dem Tisch der Offiziere wurde es leerer. Die Zurückbleibenden rückten enger zusammen. Die Unterhaltung hatte sich militärischen Dingen zugewandt. Es waren fast alles jüngere Leute, die mit mehr Eifer als Sachkenntnis die Aussichten eines Krieges mit Rußland, der wie eine drohende Wolke am Himmel stand, erörterten. Allgemein herrschte die Ansicht vor, daß man wenigstens in der ersten Zeit zu einem Abwehrkrieg genötigt sein werde. Es war nur die Frage, ob Ostpreußen bis zur Weichsel preisgegeben werden müßte, oder ob man den Russen an der Masurischen Seenkette und ihrer Fortsetzung nach Norden, an der Angeraplinie, würde Widerstand leisten können.