Der Oberkellner, ein schlanker, nicht mehr ganz junger Mann mit ungewöhnlich feingeschnittenem Gesicht und scharfen Augen, bediente die Offiziere selbst. Es fiel niemand auf, daß er beim Auswechseln der geleerten und vollen Gläser sich wenig beeilte. Er hatte schon bei Eröffnung des Cafés seine Stelle angetreten und war allgemein beliebt, weil er seine zahlreichen Gäste mit großer Gewandtheit und Aufmerksamkeit bediente. Ja, er hatte vertrauenswürdigen Kunden selbst das Stichwort gegeben, mit dem sie unauffällig ihre Zeche schuldig bleiben konnten. Das war die Geschichte von den zehn polnischen Königen. Sie lautete: „Zehn polnische Könige saßen unter einem Palmbaum und tranken Tee. Da kam eine Klapperschlange, glatt wie Öl. Darüber erschraken die Könige, stülpten ihre Kronen auf das Haupt und riefen: ‚Kellner, wir zahlen morgen.‘“
Man brauchte ihn nur an diese Geschichte zu erinnern, dann lächelte er verbindlich und verbeugte sich.
Als die Offiziere gegangen waren, verfügte sich Walter in das Spielzimmer. Das Glück, das er in der Liebe entwickelte, war entschieden seinem Erfolg beim Spiel hinderlich. In einer Stunde hatte er seinen Barvorrat verloren. Möglichst unauffällig ging er dem Ober, der mit leeren Gläsern das Zimmer verließ, an das Büfett nach, um ihn anzupumpen. Mit verbindlicher Miene griff der Ober in die Tasche und legte ihm zehn Doppelkronen auf den Tisch. Nun hielt er sich mit wechselndem Glück zwei Stunden über Wasser, bis der Ober zum Aufbruch mahnte. Walter hatte viel getrunken, aber er hatte noch keine Lust, nach Hause zu fahren. Er lud den Ober zu einer guten Flasche Rotwein ein. Lächelnd nahm der Mann die Einladung an und brachte nicht nur die Flasche Rotwein, sondern auch zwei große Kognaks, zu denen er einlud.
„Ist es Ihnen nicht schwer, Ober,“ begann Walter das Gespräch, „so enthaltsam zwischen all den trinkenden Gästen zu stehen?“
„Nicht im geringsten, Herr Studiosus, ich habe so viel zu tun, daß ich einen klaren Kopf behalten muß.“
„Ja, da bewundere ich Sie“, erwiderte Walter mit dem Bestreben, ihm etwas Angenehmes zu sagen. „Und die vielen Gespräche, die Sie umschwirren.“
Der Ober lächelte: „Die stören mich nicht, man hört ja nur Bruchstücke, die nicht interessieren können. An ihrem Tisch hätte ich heute allerdings gern zugehört, es wurde, wie ich glaube, über einen Krieg mit Rußland gesprochen. Sind die Herren Offiziere wirklich der Ansicht, daß es bald losgeht?“
„Unter allen Umständen,“ erwiderte Walter, „es kann heute oder morgen schon zum Klappen kommen.“
„Dann müßte man sich beizeiten nach einer anderen Stelle umsehen, denn hier an der Grenze wird die Geschichte wohl brenzlich werden.“
„Wahrscheinlich,“ bestätigte Walter, „die Offiziere meinen sogar, wir werden Ostpreußen bis zur Weichsel aufgeben müssen, um erst Frankreich niederzuschlagen.“