„Ich war ein junger Dachs,“ fuhr der Pastor fort, „als ich nach Königsberg einrückte. Der Vater hatte zwei Lehrochsen verkauft und noch ein paar Taler hinzugetan, so daß ich ein volles Hundert in der Tasche trug. Den größten Teil des Weges hatte ich zu Fuß zurückgelegt, von Eylau fuhr ich mit dem Omnibus, der außer mir noch eine ganze Schar von Muli nach der Stadt der reinen Vernunft beförderte. In der kleinen Kneipe auf dem Haberberg, wo der Fuhrmann sein Gefährt einstellte, wurden wir von Deputationen der Korps und Burschenschaften empfangen. Ich muß wohl in dem einfachen Wanderrock, den Mutter selbst gewebt und genäht hatte, keinen bedeutenden Eindruck gemacht haben. Aber da ich aus Lyck kam, woher die Masuren alle ihre Füchse beziehen, so lud man mich auch an die Kneiptafel. Mein Nachbar war ein alter Häuptling, der seiner scharfen Klinge wegen in hoher Achtung stand. Wir kamen ins Gespräch, er fragte mich nach meinen Verhältnissen aus. Als er erfuhr, daß ich ein Försterssohn sei, wurde er wärmer. Er stammte auch aus dem Forsthause. Ein Wort gab das andere, — — was soll ich dir sagen, er nahm mich mit nach der Kneipe und noch am selbigen Abend war ich ausgeflaggt.

Mein Protektor, — du kennst ihn, es ist der alte Pastor Riemasch in Orlowken, nahm sich meiner wacker an. Ich hatte gute Empfehlungen von meinem Direktor in der Tasche, damit ging ich zu den alten Herren, die an den Königsberger Gymnasien unterrichteten und nach ein paar Wochen hatte ich zwei gutzahlende Privatschüler. Im Korps hatte ich anfangs einen schweren Stand. Nicht etwa, weil ich wenig zuzubrocken hatte, sondern, weil ich ein so fürchterlicher Naturbursch war. Du mußt mich nicht mißverstehen: ich war nie über die kleine Provinzialstadt hinausgekommen, kneipen hatte ich dort auch nicht gelernt, da kam es mir schwer an, mich in die neuen Verhältnisse zu finden. Aber das Fechten, das hatte ich bald begriffen. Noch im ersten Semester, ehe ich die erste Fuchsmensur geliefert hatte, kontrahierte mich ein Litauer an, ein wüster Gesell, der seine zwanzig Mensuren hinter sich hatte. Er kam an den Unrechten. Ich stand wie eine Mauer und bis zum Platzwechseln hatte er mich noch nicht geritzt. Da trat Riemasch, der auch eine anständige Praxis hinter sich hatte, an mich heran und flüsterte mir zu: ‚Hinter der Doppelterz die Tiefquart!‘ Jetzt sah ich selbst das Loch und beim nächsten Gang stach ich ihn glatt ab, mein Spieß hatte in der Litauernase Kehrt gemacht.“

Der Alte hatte im Eifer des Erzählens den Arm gehoben und in der Luft den Hieb geführt. „Seit jener Mensur, fratercule, war ich ein gemachter Mann. Acht Tage darauf lieferte ich mit Glanz meine zweite Mensur und noch vor Schluß des Semesters wurde ich allein von den Füchsen rezipiert. Ich habe viel gefochten,“ fuhr er nach einer kleinen Pause fort, „und immer mit Glück. Im vierten Semester wurde ich Zweiter, im fünften Erster. Im sechsten legte ich mich auf die fleißige Seite und im neunten baute ich mein Examen, schlecht und recht, aber man drückte damals bei Leuten, die masurisch sprechen konnten und in die Wildnis gehen wollten, beide Augen zu. Soll auch heute noch so sein ....“

Als sie beim Mondschein sich die Gläser füllten und aneinanderklingen ließen, meinte Franz: „Eigentlich, Onkel, bist du mir noch immer die Geschichte schuldig, weshalb du Pastor geworden bist.“

„Du hast recht, mein Junge, aber wenn man in die alten Geschichten kommt, dann ist es schwer, an der richtigen Stelle aufzuhören.“

Er nahm die Pfeife in die Hand, stopfte sie frisch und tat einige starke Züge, ehe er weitererzählte. „Meine Mutter hatte mir beim Abschied das Versprechen abgenommen, Theologie zu studieren. Ich ließ mich also pflichtschuldigst bei der theologischen Fakultät einschreiben und belegte die offiziellen Kollegia. Weißt du, Junge, es ist doch eine schöne Sache, wenn man als junger Dachs bei älteren Leuten Rat und Anleitung findet.

Wieviel junge Studenten treten an das schwarze Brett, ohne eine Ahnung zu haben, was sie zuerst hören müssen und können. Sie tappen einfach rein in die Sache, und wenn sie kurz vor dem Examen stehen, dann merken sie erst, daß sie eins der wichtigsten Kollegia nicht gehört haben. Meiner nahm sich Riemasch an, er hatte sozusagen in alle Fakultäten hineingerochen und war schließlich reumütig zur Theologie zurückgekehrt, mit der er angefangen hatte. Er baute schon an seinem Examen und wußte ganz genau, was der Mensch dazu gehört haben muß. Trotz meiner geringen Mittel hatte ich gleich im ersten Semester ein naturgeschichtliches Kolleg und alle Publika belegt, die mir interessant schienen.

Zeit zum Kolleglaufen hatte man damals. Der Frühschoppen hielt sich in sehr engen Grenzen und die eine offizielle Kneipe in jeder Woche hinderte keinen, der ernstlich arbeiten wollte. Meine Privatstunden gab ich in den ersten Abendstunden, kurzum, ich konnte in den ersten Semestern ganz tüchtig arbeiten. Das Hebraikum hatte ich auf dem Gymnasium mit ‚Gut‘ gemacht, das plagte mich nicht. Aber desto mehr die theologischen Kollegia. Mit Riemasch, der mir ein wirklicher Freund geworden war, disputierte ich fast täglich darüber.

Die Wissenschaft war auf ihrem Lehrstuhl eingeschlafen. Aus der freien Forschung war ein engherziges Spintisieren geworden, das sich an Haarspaltereien ergötzte. Aus dem frischsprudelnden Quell war ein trübes Wässerchen geworden, das langsam abwärts schlich. Damals war ein Hauptstreitpunkt, ob Christus den Jüngern im Geist oder im verklärten Leibe erschienen sei. Ein junger Professor, der heute eine Leuchte des Kirchenregiments ist, galt damals als ein arger Ketzer, weil er die erste Ansicht verfocht. Ethische Fragen, das tägliche Brot des amtierenden Geistlichen, ja selbst große metaphysische Probleme wurden im Handumdrehen abgetan, um Zeit für die kleinlichen dogmatischen Zänkereien zu gewinnen, und uns Jungen bot man Steine statt Brot.“

Er war aufgestanden und schritt in tiefer Erregung vor der Laube auf und ab. „Wir haben es ja damals mehr gefühlt, als begriffen, um was es sich handelte. Aber wenn man mit sich selbst schon zu kämpfen hat und nur aus Pflichtbewußtsein Theologie studiert, dann wird es schwer, nicht abzuspringen. Als wir meinem guten Riemasch das alte Lied vom Auszug des bemoosten Burschen gesungen hatten, begann für mich eine schwere Zeit. Ich vernachlässigte meine offiziellen Kollegia, arbeitete auf dem Sezierboden und war nahe daran, zur Medizin abzuspringen. Da kam eines Tages der alte Dewischeit nach Königsberg.