Wir hatten einen vergnügten Abend verlebt. Ich präsidierte bei der Offiziellen und biß mit Absicht den flotten Bursch heraus. Gelernt hatte ich’s Gott sei Dank in den vier Semestern. Nach der Kneipe geleitete ich ihn zum Russenkrug, wo er logierte. Dort führte er mich selbst nach unten in das Restaurant und bestellte eine Flasche Rotspon, so’n gewichtigen Tropfen, wie wir ihn nur in unseren Seestädten trinken. Als wir den ersten Schluck genommen hatten und feierlich die Gläser hinsetzten, sah mich der Alte an und fragte schlankweg: ‚Was drückt dich, Uwis?‘ Und was soll ich dir sagen, nach ein paar Minuten hatte er alles aus mir herausgeholt, was er wissen wollte.

Die Standpauke, die er mir dann hielt, möchte ich dir gern wörtlich wiederholen, wenn mir in den vierzig Jahren nicht die Einzelheiten entschwunden wären. Aber der Refrain lautete: „Junge, stoß dich nicht an dem Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Stoß dich auch nicht an dem dogmatischen Formelkram, du hast ja als Protestant das Recht der freien Forschung in der Bibel. Sieh lieber auf den ethischen Gehalt, an dem kein Pfaffengezänk etwas wegtut oder zufügt. Und daran habe ich mich denn gehalten mein lebelang. Ich kann es auch nicht verstehen, wenn Amtsbrüder untereinander allerlei Streitfragen aufwerfen und beim Disputieren die Köpfe erhitzen .....“

Der Pastor schwieg und sah auf den Jüngling, der den Kopf nachdenklich in die Hand gestützt hatte. „Geht die Sache dich auch an, mein Sohn? Das hatte ich bisher nicht gewußt. Hast du gar keine Lust, Landwirt zu werden und in deines Vaters Fußtapfen zu treten?“

Franz sah auf. „Wenn ich das nur wüßte, Onkel! Ich fühle nichts weiter in mir, als die Lust, recht viel zu lernen. Alles möchte ich wissen. Ich möchte vielleicht auch einen ganz tüchtigen Landwirt abgeben, aber wenn ich womöglich mir ein paar Jahre um die Ohren schlage, um später einzusehen, daß ich auf den unrechten Weg geraten ....“

„Merkwürdig! Merkwürdig! Aber ich will dir sagen, wo es bei dir sitzt! Du hast bis jetzt keine Vorliebe für irgendeinen Beruf gefaßt und schwankst nun hin und her, wie das Rohr im Winde. Und darum gerade fordere ich von dir, daß du versuchst, ob du nicht dem Wunsche deines Vaters folgen kannst. Sollst dir dabei ein Jahr um die Ohren schlagen, wie du es nennst; bist immer noch jung genug, wenn du dann umsattelst.“ Er sah ihn prüfend an. „Das, was man Ehrgeiz nennt, scheint dir fremd zu sein. Ich weiß auch nicht, ob ich das tadeln soll, denn ich glaube, der Wille, stets etwas Tüchtiges zu leisten und hinter den anderen nicht zurückzubleiben, genügt auch. Und mit dem Willen versuch’ mal eine ‚Stromtid‘ durchzumachen, auf einem großen Gut, wo du recht viel lernen kannst. Wenn du dann dem Beruf durchaus keinen Geschmack abgewinnen kannst, dann wollen wir weiter reden.

Jetzt wandle heimwärts, amice, und überschlaf meinen Vorschlag. Morgen können wir mehr darüber sprechen. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Onkel.“

*

Gedankenvoll wanderte Franz im hellen Mondschein die Dorfstraße entlang. Eigentlich hatte Onkel Uwis recht, besonders wenn er auf Vaters Wunsch verwies. Als er am Dorfkrug vorüberkam, rüsteten sich auf der Veranda mehrere Männer zum Aufbruch, auch sein Vater war darunter.

Erst am Tor des Schulzenhofes trennte sich der letzte Begleiter von ihnen.