Verständnislos sah Franz ihn an; der alte Herr lachte.

„Ich habe bis heute früh auch nichts von diesem großen Ereignis gewußt. Aber heute früh erhielt ich einen Brief von einem lieben Freund und Amtsbruder aus Bodschwinken, in dem er mich zu einem Besuch dieses Volksfestes einladet. Vor einigen Jahren kam mir davon bereits eine dunkle Kunde, aber mein Gewährsmann schilderte es so, als wenn es eine große Narretei wäre. Die Gegend dort ist sehr wohlhabend. Die reichen Bauern der beiden Dörfer fühlten sich dadurch beschwert, ja beleidigt, daß die Bürger des nahen Marktfleckens Benkheim, meist Handwerker und kleine Kaufleute, einen Kriegerverein gründeten und das Sedanfest großartig feierten: Und der Meister von der Schul’ sann auf Rettung und verful darauf, die Sedanschlacht selbst aufzuführen.“

Franz lachte laut auf. „Aber Onkel, das ist doch unmöglich, das klingt doch nach Schilda und Schöppenstedt! Ja, wenn es unsere braven Domnauer unternommen hätten ....“

„Ein bißchen hast du recht! Und die ersten Aufführungen der weltbewegenden Völkerschlacht trugen eine Narrenkappe. Der Donner der Geschütze wurde durch Feuerwerk, durch Kanonenschläge hervorgebracht, nachdem die ersten Versuche, aus einem Eichenstamm eine Kanone herzustellen, kläglich gescheitert waren. Der erste Stamm hielt die Ladung nicht aus, sondern flog davon beim ersten Schuß. Der zweite flog von seiner Unterlage rückwärts in einen Kramladen und richtete darin eine greuliche Verwüstung an.“

„Aber, Onkel, das ist nichts wie ein großer Ulk, der doch gar nicht zu dem Ernst des weltgeschichtlichen Ereignisses paßt.“

„Das scheint nur so, man muß auf den Kern der Sache sehen! Und da sehe ich eine große, wenn auch sehr naive patriotische Begeisterung. Die Mannschaften der beiden Dörfer teilen sich in Deutsche und Franzosen und schießen mit Platzpatronen wacker aufeinander los, bis am Nachmittag die Rothosen sich ergeben und mit den Siegern vereint nach Bodschwinken ziehen, um dort noch kräftig zu feiern. Im Laufe der Jahre ist aus den lächerlichen, kleinen Anfängen ein großes patriotisches Volksfest geworden, daß sehr ernst genommen werden will. Jetzt strömen Tausende gediente alte Soldaten alljährlich nach Kerschken, meist wohlhabende Bauernsöhne, richtig eingekleidet und bewaffnet, zum Teil auch beritten. Auch einige leichte Geschütze sind vorhanden.“

„Ist das wirklich wahr, Onkel?“

„Mein Freund schreibt es mir und ich bin gespannt es zu sehen. Es soll, wenn auch im kleinen Maßstabe, ein richtiges Schlachtenbild geben. Das beste jedoch soll die Darstellung der großen geschichtlichen Ereignisse sein, wie sie der berühmte Maler Anton v. Werner in seinen Gemälden festgehalten hat. Da werden als lebende Bilder gestellt: ‚Die Begegnung unseres alten Kaisers mit Napoleon‘, ‚Die Begegnung Bismarcks mit Napoleon auf der Straße‘ und ihre Zusammenkunft vor dem Weberhäuschen bei Donchery.“

„Aber Onkel, das ist doch ganz undenkbar!“

„Ich kann es mir auch nicht recht vorstellen, ich nehme an, daß sie Schauspieler von Beruf dazu heranziehen. Na, hast du Lust, dir den Rummel anzusehen?“