„Selbstverständlich, Onkel, wann müssen wir aufbrechen?“

„Ich bin schon gerüstet und bei dir wird es auch nicht lange dauern. Im Ränzel etwas Wäsche, weiter brauchen wir nichts.“

Eine Stunde später fuhren die beiden Freunde nach der Stadt, wo Franz den Vater treffen und mit Dank von ihm Abschied nehmen wollte. Sie fanden ihn in der Ausspannung, wo er anzukehren pflegte, schon im Begriff nach Hause zu fahren. Er wünschte den beiden Wanderern alles Gute auf den Weg und viel Vergnügen. Am Abend erreichten sie ein einsames Forsthaus in der großen Heide. Der Grünrock, der vor seiner Tür stand, bot ein freundliches Obdach und gute Verpflegung. Die rote Mütze, die Franz trug, zog ihn an. Er hatte auch einen Sohn auf dem Gymnasium, einen Primaner, und bald stellte es sich heraus, daß Franz mit ihm befreundet war.

Am andern Morgen zogen sie frohgemut ihres Weges, mitten durch die große Heide, wo man Stunden um Stunden gehen kann, ohne einer menschlichen Seele zu begegnen. Desto häufiger tauchten zwischen den uralten Kiefern und Fichten kleinere und größere Seenspiegel auf. Mittags rasteten sie in einem Pfarrhause, wo sie sich durch den sprechenden Draht hatten anmelden lassen. Bei guter Zeit am Nachmittag ging’s weiter am Ostufer des Spirding entlang. Das Masurische Meer, unser weitaus größter Binnensee, hatte seinen bewegten Tag. Von einem starken Westwind getrieben rollten mannshohe Wogen heran und brachen sich mit donnerndem Schall auf dem seichten Strand.

Gegen Abend erreichten sie die kleine Stadt Arys, dessen Nähe sich erst durch dumpfen Kanonendonner und dann durch knatterndes Gewehrfeuer ankündigte. Das Barackenlager des großen Truppenübungsplatzes war von Soldaten aller Art belegt, die dort in großen Verbänden ihre Übungen abhielten.

„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen“, meinte der Pastor, als sie sich eilig aus dem Windschatten einer Schwadron Reiter flüchteten, um den Staub nicht zu schlucken. „Früher hielt man es für unerläßlich, den Mut und Stolz des Kriegers durch die Farbenfreudigkeit zu erwecken und zu belohnen. Jetzt muß er mit dem schmucklosen Grau vorlieb nehmen, das ihn im Gelände unsichtbar macht. Ich glaube, mein Sohn, es wird ein hartes Ringen werden, wenn es nochmal zu einem Kriege kommen sollte.“

Es hielt schwer, in dem überfüllten Städtchen ein Nachtlager zu finden; es war sogar mit Schwierigkeiten verbunden, in irgendeiner Gaststätte ein Plätzchen zu bekommen, wo man sich zu einem Abendtrunk niederlassen konnte. „Dreist und gottesfürchtig“, wie es seine Art war, trat der alte Herr an einen von Offizieren besetzten Tisch heran und bat um Unterschlupf, der bereitwillig gewährt wurde. Die rote Mütze seines jungen Begleiters erregte Aufmerksamkeit, denn nicht allen war ihre Bedeutung bekannt. Und die Wanderer hatten Glück. Der Platzkommandant selbst lud sie für den nächsten Morgen zur Besichtigung des Lagers ein und stellte ihnen einen Freipaß aus.

Da bekamen sie vieles zu sehen, was ihnen einen hohen Begriff von der Tüchtigkeit unserer Wehrmacht gab. Sie sahen Flugmaschinen, deren Schwere nach Zentnern zu schätzen war, sich von der Erde erheben und wie Vögel in der Luft kreisen. Sie sahen ungefüge Mörser, deren Donner ihr Ohr betäubte, nach Zielen schießen, die hinter jeder Sehweite lagen, und vernahmen, daß fast jeder Schuß ein Treffer war. Von einem überwältigenden Staunen erfüllt, wanderten sie nachmittags weiter. Mit starken Worten gab der Pastor unterwegs seiner Empfindung Ausdruck, daß wir auf unser deutsches Volk sehr stolz sein dürften.

Gegen Abend kamen sie auf dem kleinen Bahnhof in Steinort an. Weit und breit kein Haus zu sehen, in dem sie für die Nacht Obdach finden konnten. Aber der Pastor vertraute darauf, daß sich auf dem großen Herrensitz des uralten ostpreußischen Grafengeschlechtes auch für sie ein Plätzchen würde finden lassen, wo sie ihr müdes Haupt zur Ruhe legen konnten. Und er sollte recht behalten. Sie waren kaum eine Viertelstunde des Wegs gewandert, als sie von einem Auto überholt wurden, das kurz hinter ihnen anhielt. Aus dem Wagen erhob sich die gewaltige Reckengestalt des Reichsgrafen. Mit herzgewinnender Freundlichkeit lud er sie zum Mitfahren ein und fragte, wem der Besuch gälte.

„Herr Graf,“ erwiderte der Pastor, „wir nehmen Ihre freundliche Einladung mit großem Dank an, ich wollte meinem jungen Freund, der eben sein Abiturium mit großem Glanz bestanden hat, die herrlichsten Eichen zeigen, die es in Ostpreußen, und ich kann wohl sagen, in ganz Deutschland gibt. Wir vertrauen stark auf die ostpreußische Gastfreundschaft, von der wir einen Unterschlupf für die Nacht erwarten.“