„Darin sollen Sie sich nicht täuschen“, erwiderte der Graf lächelnd. „Mein Haus steht Ihnen offen.“

„Wird mit bestem Dank angenommen, Herr Graf. Ich bin der Pastor des masurischen Kirchdorfes Schwentainen und dies ist mein junger Freund. Er soll Landwirt werden wie sein Vater, ein wohlhabender Bauer, dessen Geschlecht schon seit Jahrhunderten auf derselben Stelle dauert.“

„Das freut mich von Ihnen, junger Mann,“ erwiderte der Reichsgraf, „der beste Teil unseres Volkes ist der, der an der Scholle haftet. Das gilt nicht nur von den alten Adelsgeschlechtern, sondern auch von unseren Bauern. Jetzt begrüße ich Sie mit Freude.“

Das Auto hielt vor dem Schloß, der Hupenruf hatte die Dienerschaft auf die Beine gebracht. Helles Licht erstrahlte vom Portal. Bei der Abendtafel erfuhren die Wanderer, daß das Schloß noch andere Gäste barg. Einen Professor, der die ungeheuren Bücherschätze des Herrensitzes in Ordnung bringen sollte, und zwei kurländische Grafen, die in ihrer Aussprache das Ostpreußische noch weit überboten und sich als gute, echte Deutsche erwiesen. Mit ehrfürchtigem Staunen folgte Franz dem Gespräch, in dem die Hauptstädte der Welt, die bedeutendsten Männer der Gegenwart an ihm wie in einem Kaleidoskop vorüberzogen.

Es war der erste Blick, den er in eine Welt tat, von der ihm sein bisheriges Leben und die Schule kaum den Schimmer einer Ahnung übermittelt hatte. Der nächste Morgen brachte den beiden Wanderern nach der Besichtigung des Schlosses noch einen besonderen Genuß. Sie durchwanderten die Bogenhallen der riesenhaften, uralten Eichen, von denen viele schon ein ehrwürdiges Alter aufwiesen, als die ersten Ordensritter vor siebenhundert Jahren zum erstenmal in ihren Schatten lagerten. Dann fuhr der Reichsgraf seine Gäste im Motorboot auf dem Mauersee, den zweitgrößten masurischen Binnensee, spazieren. Er ist erst in der Zeit des Ordens durch die Anlage eines Stauwerks zu Angerburg aus einer Kette von größeren und kleineren Seen zusammengewachsen und entstanden. Freundliche Dörfer in Grün gebettet und herrliche Laubwälder umgrenzten seine Ufer.

Erst am nächsten Nachmittag brachte sie das Auto des freundlichen Gastgebers nach Beynuhnen, wo sie in einem einfachen Gasthof ihr Nachtlager fanden. Die wenigsten Menschen im Reich wissen, was dieser Ort für Ostpreußen bedeutet. Da hat ein kunstbegeisterter, ostpreußischer Landedelmann eine Sammlung der höchsten Kunstwerke des griechischen und römischen Altertums, natürlich nur in Abgüssen und Nachbildungen zusammengebracht.

Ehrfürchtiges Staunen befing den alten Mann und den jungen, als sie die Meisterwerke der größten Kunstepoche der Menschheit in getreuen Nachbildungen vor sich sahen. Nur eine Stunde, die der Hunger ihnen abgenötigt, unterbrachen sie den Genuß.

Am anderen Morgen wanderten sie weiter und kamen bald nach Mittag in Bodschwinken an. Unterwegs gab es des Neuen und Interessanten schon viel zu schauen. Hier marschierte ein Trupp Fußvolk, dort zog eine Schar Reiter heran, in leuchtende Uniform gekleidet, fast alle mit Musik an der Spitze.

In den beiden großen Dörfern wimmelte es von Menschen wie in einem aufgestörten Ameisenhaufen. An ein Unterkommen war nicht zu denken. Jedes Haus war schon bis unter die Dachsparren mit Gästen gefüllt. Selbst auf den Tennen in den Scheunen waren Strohlager hergestellt. Auch der Amtsbruder des Pastors konnte sie nicht aufnehmen. Er veranlaßte jedoch einen Freund, sie zur Nacht mit sich auf sein Gut zu nehmen. Vorher jedoch gab es noch viel zu schauen.

Die deutschen Truppen bezogen rings um die Dörfer auf den Höhen ihre Biwaks. Überall loderten die Wachtfeuer, an dem die Mannschaft abkochte. Militärkapellen spielten abwechselnd. Dazwischen wurden unermüdlich patriotische Lieder gesungen: „Die Wacht am Rhein“, „Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben“, „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ usw. Die französischen Truppen bezogen ihre Stellungen rings um einen einsamen im Tal liegenden Bauernhof, der Sedan darstellte. Die Generäle Mac Mahon und Wimpffen, ja selbst der Kaiser Napoleon in echten, goldstrotzenden Uniformen waren zu sehen.