Der französische Kaiser war ein kleines Männchen mit mächtigem Schnurr- und Knebelbart, das sich in seiner Rolle nicht wohlzufühlen schien und sich augenscheinlich schon etwas Mut angetrunken hatte.
Von dem Gutsbesitzer erfuhren die beiden Wanderer abends die ergötzliche Vorgeschichte dieser Rollenbesetzung. Zwei Jahre vorher war dem Dorfschmied, der den Bismarck darstellte, bei der Szene vor dem Weberhäuschen in Donchery das patriotische Gefühl übergelaufen. Er packte plötzlich den Tagelöhner, der den Napoleon schon seit Jahren spielte, und verprügelte ihn unter dem tosenden Jubel der Menge.
Wenn dieses Ereignis auch nicht der historischen Wahrheit entsprach, so befriedigte es um so mehr das Gerechtigkeitsgefühl der Menge, daß dieser Erzbösewicht, der Friedensstörer Europas, gründlich abgestraft wurde und die Meinung ging allgemein dahin, daß diese Bestrafung Napoleons alljährlich zur Bereicherung des Festes wiederholt werden müßte. Aber der Bismarck schlug eine so kräftige Faust, daß der Tagelöhner sich selbst gegen eine ansehnliche Belohnung nicht mehr bereitfinden ließ, im nächsten Jahr den Napoleon zu spielen.
Doch Bismarck wußte Rat. Als im nächsten Herbst ein Stromer ahnungslos durchs Dorf zog, der einen großen Vollbart trug, wurde er kurzerhand wegen Bettelns festgenommen und eingesperrt. Er wurde gut verpflegt und ließ sich bereitfinden, den Napoleon zu spielen. Sein Bart wurde zugestutzt, die Uniform zugepaßt, und er spielte nach einigen Proben seine Rolle ganz gut. Bloß zum Schluß war er unangenehm überrascht, als Bismarck vor dem Weberhäuschen ihn plötzlich an den Kragen nahm und verprügelte. Aber er nahm das gebotene Schmerzensgeld und drehte dem Dorf den Rücken.
Im nächsten Jahr versagte dies Auskunftmittel, denn alle Stromer mieden die beiden Dörfer schon von Mitte des Sommers an. Doch auch diesmal wußte Bismarck sich zu helfen. Er gewann für die Rolle des Napoleon einen Flickschuster aus Benkheim, den die hohe Summe von dreihundert Mark, die er als Schmerzensgeld erhalten sollte, lockte. Seine gedrückte Stimmung war durchaus erklärlich, denn er kannte den Knalleffekt des Tages, bei dem er der leidende Teil sein sollte.
Am anderen Tage entbrannte schon frühmorgens die Schlacht. Durch die stille Luft vernahm man das Knattern der Gewehre und die dumpfen Kanonenschläge. Wie verabredet, war man im Gutshause schon bei Tagesgrauen aufgestanden, um aufs Schlachtfeld zu fahren. Beim Frühstück bot sich den Gästen ein rührendes, entzückendes Bild. Die älteste Tochter des Hauses, die trotz ihrer sechzehn Jahre schon dem verwitweten Vater die Wirtschaft führte, erschien mit ihren fünf jüngeren Schwestern, die zur Feier des Tages in Weiß gekleidet, wie die leibhaftigen Engel aussahen. Liesel, die älteste, war eine zierliche Elfengestalt mit blauen Augen und blonden Haaren, das sich in natürlichen Locken um ihre Stirn ringelte. Zutraulich begrüßten die Kinder ihre Gäste. Der Pastor nahm die beiden Jüngsten auf sein Knie und herzte sie.
Franzens Blick hing mit stillem Entzücken an dem liebreizenden Mädel, das alle mit mütterlicher Sorgfalt bediente und mit freudigem Stolz ihren wohlgeratenen Kuchen anbot. Einen umfangreichen Eßkorb hatte sie schon vorher vollgepackt. In zwei Wagen wurde die Fahrt angetreten. Bald war man mitten im Schlachtgetümmel. Immer enger schloß sich der Kreis um Sedan. Jetzt bekam man auch die deutschen Heerführer zu sehen. Der Pastor vermochte sein Erstaunen kaum in Worte zu fassen. Er rief bloß: „Da brat’ mir einer ’nen Storch.“
„Aber die Beine recht knusprig“, fügte Liesel lachend hinzu.
Und die Verwunderung war durchaus berechtigt. Der Bismarck, der in Kürassieruniform auf einem mächtigen Gaul saß, glich, obwohl ein wenig kleiner, aufs Haar seinem geschichtlichen Vorbild. Dasselbe konnte man von Moltke, Roon und vor allen Dingen von Kaiser Wilhelm sagen, der von dem Gendarmen mit täuschender Ähnlichkeit gespielt wurde.
Schon gegen Mittag stieg auf Sedan die weiße Fahne hoch, und bald darauf nahte der französische General Reille und wurde von Kaiser Wilhelm empfangen, genau so wie es auf dem bekannten Gemälde dargestellt ist. Moltke nahm den aus der Geschichte bekannten Brief Napoleons in Empfang und verlas ihn mit lauter Stimme, erst französisch, dann deutsch.