Ein unbeschreiblicher Jubel brach los. Und die Bedeutung jener großen geschichtlichen Ereignisse drang mit so überwältigender Kraft in alle Gemüter ein, daß man sie mitzuerleben vermeinte. Bewegt trocknete der Pastor die feucht gewordenen Augen. Die Erinnerung an die schöne Jugendzeit stieg in ihm auf, wie er als Junge von zwölf Jahren den gewaltigen Sieg gefeiert, der Deutschlands Stämme zusammenschweißte. Deutlich erinnerte er sich an den Taumel der Begeisterung, von dem ganz Deutschland erfaßt war.

Der weitere Verlauf des Festes wurde äußerst empfindlich durch Napoleon gestört. Er hatte in seiner Angst einen Fluchtversuch gemacht und war von seinen eigenen Truppen gefangengenommen worden. Erst als er von Bismarck die ehrenwörtliche Versicherung erhielt, daß er keine Prügel bekommen würde, spielte er seine Rolle weiter. Nun konnten die anderen lebenden Bilder dargestellt werden.

Es war ein patriotischer Anschauungsunterricht, dessen Bedeutung nicht überschätzt werden kann. Natürlich fehlte es auch nicht an anders gearteten Volksbelustigungen. Auf dem geräumigen Dorfanger in Bodschwinken drängte sich Bude an Bude, Zelt an Zelt. Da kreisten die Karussels, da sausten die Luftschaukeln. Franz machte sich das Vergnügen, alle sechs Mädels auf den Rummelplatz zu führen und sie alle Genüsse auskosten zu lassen.

Von ihrem Eifer und kindlicher Freude angesteckt, schwang er sich neben Liesel auf einen hölzernen Rappen und ließ sich nach den schmetternden Klängen eines Musikwerks im Kreise herumschwenken. Holdselig lächelnd streckte ihm Liesel mit kindlicher Unbefangenheit die Hand entgegen. Wie in einem glücklichen Traum fuhr er neben ihr dahin. Immer und immer wieder forderten die Kleinen eine Wiederholung der Fahrt und Franz gewährte sie ihnen, bis Liesel ihm Einhalt geboten. Von einem unendlichen Glücksgefühl erfüllt, saß er, von den kleinen Mädchen umgeben, die sich um seine Knie drängten, neben der Ältesten in dem Gehege der Seiltänzer, die bei bengalischer Beleuchtung auf dem schwankenden Seil hin und her fuhren, oder am schwebenden Trapez halsbrecherische Kunststücke ausführten.

Als es für die Kleinen Zeit war, nach Hause zu fahren, schloß sich Franz ihnen an. Er sah zu, wie das kleine Mädchen ihre jüngeren Geschwister abfütterte, sie entkleidete, und ihnen im Bettchen zum Nachtgebet die Hände faltete. Dann saßen Liesel und Franz in der stillen, warmen Herbstnacht auf der Veranda zusammen und plauderten wie zwei gute Freunde.

Erst am nächsten Nachmittag nahmen sie Abschied von dem gastlichen Hause und fuhren mit der Bahn nach Hause, wo sie spät am Abend anlangten.

7. Kapitel

Am nächsten Morgen schon stand Franz bei Tagesgrauen auf, um die Knechte und Mägde beim Füttern der Pferde und des Viehes zu beaufsichtigen. Als er zum Frühstück in die Stube kam, sah er der Mutter an, daß sie geweint hatte. Sie war sehr still und sprach kein Wort. Das war ihm unerträglich. Er sprang auf und faßte sie um. „Mutter, bist du böse auf mich?“

Sie strich ihm die Haare zurück und sah ihm liebevoll in die Augen. „Nein, mein Junge, ich bin nur traurig, weil du mir den einzigen großen Wunsch meines Lebens nicht erfüllen willst.“

„Ich kann nicht, Mutter! Wenn ich mich fürs Studium entschieden hätte oder später nach der Probezeit, die ich mir gesetzt habe, würde ich doch unter keinen Umständen Pastor werden, sondern Naturwissenschaften oder Medizin studieren.“