„Sie bringen eine gute Empfehlung mit, junger Freund, Ihren Vater, der mir in meiner Lehrzeit manche unangenehme Arbeit abgenommen hat. Also Sie wollen Ihre Lehrzeit bei mir durchmachen?“ Gewaltig dröhnte die Stimme im tiefsten Baß.
„Ja, Herr Oberamtmann“, erwiderte Franz tapfer mit festem Blick.
„Na, Sie haben wohl schon bei Ihrem Vater etwas in die Wirtschaft hineingerochen und können Roggen von Hafer unterscheiden. Das ist auch schon etwas wert, aber leicht ist der Dienst auf einem großen Gut nicht, und wer mal selbst befehlen will, muß erst gehorchen gelernt haben. Doch das sind Binsenwahrheiten, die Ihnen wohl auch geläufig sind. Aber eins muß ich Ihnen noch sagen: ich poltere oftmal los ... das ist nicht weiter gefährlich ... aber wenn ich platt rede, wie Ihr Freund und Onkel Uwis, den ich sehr hoch schätze — ich bitte, ihn von mir zu grüßen —, dann tut man gut, mir eine Weile aus den Augen zu verschwinden.“
Er lachte dabei so herzlich, daß bei Franz jede Befangenheit schwand. „Ich werde mir Mühe geben, Ihre Zufriedenheit zu erringen.“
„Geschenkt! Das ist doch die erste Vorbedingung. Also abgemacht, sela. Zum 1. Oktober treten Sie an. Und nun wollen wir nach dieser anstrengenden Tätigkeit frühstücken.“
Er führte seine Gäste in das Nebenzimmer, wo bereits der Tisch mit all den guten Sachen, die es in einem Gutshause gibt, gedeckt war. Bald darauf trat die Frau des Hauses ein, eine hohe, schlanke Gestalt, mit reichem kastanienbraunem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln auf dem schönen Gesicht. Gleich darauf stürmten zwei Knaben von sieben und fünf Jahren herein. Als sie die fremden Gäste erblickten, machten sie einen tiefen Diener und gaben beiden die Hand. Dann stieg der Jüngere seinem Vater auf das Knie, faßte mit beiden Händen in den Bart und gab ihm einen Kuß. Ganz warm stieg es bei diesem Anblick in Franz auf. Sein zukünftiger Lehrmeister war sicher ein herzensguter Mann, der keinem Unrecht tat.
Die vier Wochen, die Franz noch zu Hause weilte, vergingen ihm wie im Fluge. Er stand mit dem ersten Hahnenschrei auf und half den Tag über wacker bei der Ernte. Abends sank er totmüde ins Bett. Die Mutter war mit seiner Tätigkeit durchaus nicht einverstanden. Er sollte sich nach der schweren Vorbereitungszeit fürs Examen erholen, anstatt sich so anzustrengen. Aber Franz ließ sich nicht beirren. Und Onkel Uwis lobte ihn, wenn er mal abends auf ein halbes Stündchen zu ihm ging. Auch einen Teil der Saatzeit machte Franz noch beim Vater durch. Öfter wurde er vom Felde nach Hause geholt, um Wäsche oder ein neues Kleidungsstück anzuprobieren. Denn die Mutter stattete ihn sehr reichlich aus und schärfte ihm bei öfteren Ermahnungen ein, daß er sich zu jeder Mahlzeit im Herrenhause umziehen müsse.
„Du fragst einfach die gnädige Frau, wie du zu Tisch erscheinen sollst. Sagt sie: wie Sie angezogen sind, dann ziehst du dir die neuen Kniestiefel und die neue Joppe an und nimmst dir einen reinen Kragen um. Du kannst ihn ja nach dem Essen wieder gegen den anderen vertauschen.“
Lächelnd hörte Franz die Mutter an. Zum Schluß faßte er sie um und versicherte ihr, daß er alle ihre Ermahnungen beherzigen werde. Er wußte: das Mutterherz würde ihn auch in die Fremde begleiten und um ihn sorgen.
Am Tage vor seiner Abreise ging Franz zu Frau Grigo. Lotte empfing ihn und plauderte mit ihm, bis die Mutter aus der Küche hereinkam. Ein von Sorgen und schwerer Arbeit zermürbtes Frauchen. Nachdem sie ihm einen Sack voll guter Wünsche auf den Lebensweg mitgegeben hatte, fragte sie plötzlich, ob es wahr wäre, daß es bald Krieg gäbe. Erstaunt zuckte Franz die Achseln. „Das weiß ich nicht, Tante. Es ist schon so oft davon geredet worden, daß wir mit Rußland Krieg bekommen sollen, aber bis jetzt ist es doch noch nicht eingetroffen. Für uns hier an der Grenze wäre es ein großes Unglück.“