„Ja, ein sehr großes Unglück, mein lieber Franz.“

Abends, als er mit den Eltern bei Onkel und Tante Uwis war, erzählte er von der sonderbaren Frage der Lehrerwitwe. Der Pastor blies dicke Rauchwolken aus seiner Pfeife. „Ich bin in den letzten Tagen auch oft danach gefragt worden. Da hat irgendein Esel sich den Spaß gemacht, das Gerede unter die Leute zu bringen.“

„Also du hältst nichts davon, Onkel?“

„Das ist eine andere Frage, mein lieber Junge. Ich weiß ja nicht mehr, als was in den Zeitungen steht, aber ich habe das Gefühl, als wenn wir hier in Ostpreußen und namentlich wir hier an der Grenze wie auf einem Pulverfaß leben. Es braucht nur ein Funke hineinzufallen, dann fliegen wir in die Luft. Und Funken fliegen genug umher. Ich denke jedoch, wir tun nicht gut, uns heute mit diesen Sorgen das Herz zu beschweren. Wir müssen hinnehmen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß über uns verhängt und damit basta. Hier hast du etwas auf die Reise.“ Er reichte ihm einen verschlossenen Brief. „Den gib deinem Lehrherrn mit einem schönen Gruß von mir. Ermahnungen brauche ich dir nicht mit auf den Weg zu geben. Ich weiß, daß du deinen Eltern und mir keine Schande machen wirst.“

Am andern Morgen brachte Rosumek seinen Jungen selbst nach Polommen. Er bekam im Beamtenhaus ein freundliches Stübchen angewiesen, packte seine Sachen aus und ging dann ins Herrenhaus, um sich anzumelden. Der Oberamtmann empfing ihn kurz angebunden. „Gleich nach Mittag ziehen Sie sich einen derben warmen Anzug an, denn Sie werden die Kartoffelgräber beaufsichtigen. Jetzt stellen Sie sich dem Oberinspektor Balk vor, der Sie unter seine Obhut nehmen und Ihnen die nötigen Anweisungen erteilen wird. Wenn Sie irgendein Anliegen an mich haben, bin ich für Sie jederzeit zu sprechen.“

„Aller Anfang ist schwer, sagte der Teufel, da stahl er einen Amboß.“ Mit grimmigem Humor murmelte Franz die Worte vor sich hin, während er hinter der Reihe der Kartoffelgräber langsam auf und ab ging. Er hatte sich warm angezogen, aber der starke Nordwind drang doch durch die dicke Jacke und das wollene Unterzeug, so daß er froh war, als er hinter dem Wagen, der die letzten Säcke vom Felde holte, nach Hause ging. Und der heiße Kaffee, den ihm das Mädchen brachte, schmeckte ihm, wie ihm schon lange nichts geschmeckt hatte. Dann wurde er in die Ställe geschickt, um das Füttern der Pferde zu beaufsichtigen. Beim Abendbrot lernte er einen „Leidensgefährten“, Hans Kolbe, kennen, einen langaufgeschossenen Kaufmannssohn aus der Stadt, der in Königsberg auf einer Presse sich das Einjährigenzeugnis geholt hatte und schon ein halbes Jahr die Landwirtschaft erlernte. Er lud Franz nach dem Essen auf seine Bude zu einem Glas Grog ein und weihte ihn mit großer Selbstgefälligkeit in die Geheimnisse des Gutes ein.

Der Oberinspektor sei gutmütig und lasse sich leicht ein X für ein U machen. Er zitterte vor dem Oberamtmann; das sei ein Deuwelskerl ... der sähe alles und wüßte alles ... Franz hörte ruhig zu, aber die Art des jungen Menschen mißfiel ihm vom ersten Augenblick an, und als er gar mit seinen intimen Beziehungen zu verschiedenen Scharwerksmädeln zu prahlen begann, stand Franz auf und verabschiedete sich mit kurzem Dank. Er sei müde und müsse morgen früh aufstehen ...

Ganz allmählich gewöhnte sich Franz in seinen Wirkungskreis ein. Der Dienst wurde leichter, nachdem die Kartoffeln und Rüben geborgen waren. Aber tagaus tagein an der Dreschmaschine stehen, war gerade auch kein Vergnügen. Er überwand jedoch mit festem Willen die trübe Stimmung, die ihn oft zu beschleichen drohte und tröstete sich mit dem Gedanken an den Sommer, wo es wohl auch viel Arbeit geben würde, aber anderer Art und in freier Luft ...

An jedem Sonntag wurden die beiden jungen Leute zu Mittag ins Herrenhaus gebeten. Gleich beim erstenmal fiel es Franz auf, daß die Hausfrau seinen „Leidensgefährten“ ganz unbeachtet ließ, während sie sich mit ihm freundlich teilnehmend über seine Eltern und Onkel Uwis unterhielt. Er hatte das Gefühl, als wenn der Frau des Hauses die zärtlichen Beziehungen Kolbes zur Weiblichkeit des Hofes nicht unbekannt wären und daß sie ihn deshalb so fühlbar schnitt. Am zweiten Sonntag fragte sie Franz, was er am Nachmittag und Abend triebe.

„Ich habe mir einige Lehrbücher der Landwirtschaft mitgebracht, gnädige Frau, und beschäftige mich damit. Ich nehme auch manchmal meinen Horaz und Homer vor, um meine Schulkenntnisse nicht zu verlieren ...“