Als die alte Dame sich um zehn Uhr zur Ruhe begab, ging er auf sein Zimmer und schlich wenige Minuten später wieder hinunter, nahm sein Rad und fuhr in die Stadt ins Café. Die Mehrzahl der soliden Bürger hatte sich bereits entfernt, nur der große Tisch war noch von einer Gesellschaft älterer Offiziere besetzt, die sich lebhaft unterhielten. Er ließ sich an einem kleinen Tisch nieder und bestellte sich ein Glas Bier. Der Ober, der ihn nur durch eine vertrauliche Kopfbewegung begrüßt hatte, stand dicht am Offizierstisch. Kaum daß einer der Herren seine Tasche zog, um sich eine neue Zigarre oder Zigarette anzustecken, war er schon mit dem brennenden Streichholz bei der Hand. Jedes geleerte Glas ergriff er, füllte es und brachte es schnell zurück. Die Offiziere hatten keinen Argwohn dabei, denn sie waren es gewohnt, von dem Ober so aufmerksam bedient zu werden.
In Walter stieg wieder der Verdacht auf, der ihm zuerst so ungeheuerlich erschienen war. Aber auch jetzt wollte es ihm wenig wahrscheinlich erscheinen, daß der Mann ein anderes, als ein ganz allgemeines Interesse an dem Gesprächsstoff der Offiziere nehmen könnte, der damals schon alle Menschen an der russischen Grenze beschäftigte. Aber die Tatsache war doch nun einmal da, daß der Mann alles hörte, was die Offiziere sprachen.
Als die Herren aufbrachen, begab Walter sich in die Spielzimmer. Eine Anzahl junger Leute hatte sich zusammengefunden, um Kartenlotterie zu spielen. Er konnte dem geistlosen Spiel, das er langweilig fand, kein Interesse abgewinnen und sah zu, ohne eine Karte zu kaufen. Es wurde ziemlich hoch gespielt und scharf getrunken. Denn die Bank, die von jedem großen Los ein Zehntel ablegen mußte, hielt die Spieler frei. Die Einrichtung der Abgabe war ebenso sinnreich wie einfach. Auf dem Tisch stand ein großes Glas, zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in das der Betrag geworfen wurde. Das ergab einen großen Verdienst für den Ober, der selbst, wenn die Spieler scharf tranken, noch einen erheblichen Überschuß behielt.
Bald darauf betraten drei wohlhabende Handwerker das Zimmer. Sie forderten den ihnen bekannten Walter auf, mit ihnen zu pokern. Das war ein Spiel nach seinem Geschmack. Da konnte man selbst mit einer schlechten Karte, wenn man es nur geschickt anfing, die Mitspieler blüffen. Er hatte etwa eine halbe Stunde mit wechselndem Glück gespielt, als er merkte, daß der Ober leise, wie es seine Art war, hinter ihn trat. Gleichgültig nahm er seine fünf Karten auf. Er hatte drei Asse, eine Sieben und eine Acht. Ohne sich zu besinnen, legte er die Sieben ab und kaufte eine neue Karte dazu. Mit unbeweglichem Gesicht nahm er diese auf und warf sie nach flüchtigem Blick auf die andern. Es war das vierte Aß. Das konnte ein großer Schlag werden, aber nur, wenn auch einer der Mitspieler ein starkes Gegenspiel in der Hand hatte. Walter hatte Mühe, sich zu beherrschen und seine Freude zu verbergen, als der erste Spieler fünfzig Mark anwettete.
„Die Fünfzig bringe ich und setze noch Einhundert vor“, sagte Walter möglichst gleichmütig.
„Die Hundert und noch Zweihundert.“
Blitzschnell überlegte Walter. Wollte sein Gegner ihn rausblüffen, oder hatte er auch ein starkes Spiel in der Hand.
„Die Zweihundert und noch Zweihundert.“
„Die Zweihundert und noch Fünfhundert.“
Kalt lief es Walter über den Rücken. Soviel Geld hatte er ja nicht mehr bei sich. Wenn er nicht wenigstens die fünfhundert Mark nachsetzte, zog der Gegner den ganzen Gewinn ein, ohne überhaupt nur seine Karte aufdecken zu müssen. Da fühlte er eine leise Berührung seiner linken Seite. Er griff instinktmäßig hin und fühlte eine Hand, die ihm einen Bündel Banknoten zusteckte. Erst fuhr er mit einer Hand in die Seitentasche seiner Joppe, als wenn er von dort das Geld herausnahm, dann warf er die Scheine auf den Tisch. Es waren nach flüchtiger Schätzung mindestens zweitausend Mark.