Mit feinem Lächeln schüttelte der Ober den Kopf.

„Nicht mehr als jeder Deutsche an der Zuspitzung unserer Beziehungen mit Rußland hat. Wenn Sie besonders gute und wichtige Nachrichten über russische Verhältnisse haben, dann wenden Sie sich am besten an die Offiziere, mit denen Sie ja bekannt sind. Es müssen aber sehr wichtige Nachrichten sein. Denn soviel ich weiß, kennen alle Staaten voneinander und von den militärischen Geheimnissen der Gegner im allgemeinen mehr als man glaubt. Denn jeder Staat unterhält, wie ich neulich gehört habe, einen Nachrichtendienst, der bei den Nachbarn alles zu erforschen sucht, was wissenswert erscheint.“

„Das muß doch nicht genügen,“ erwiderte Walter eifrig, „denn gestern ist der Wirt der Waldschänke über die Grenze gefahren, um die Standorte der russischen Truppen im polnischen Bezirk auszukundschaften.“

„Das ist ein gefährliches Unternehmen,“ erwiderte der Ober ruhig, „denn die Russen pflegen nicht lange zu fackeln, wenn sie einen Spion erwischen.“

„Ach, der Mann läuft keine Gefahr. Er ist lange Jahre als Viehtreiber in Rußland gewesen, spricht fertig russisch und polnisch und wird, wie ich vermute, mit Vieh handeln. Auf jedem Fall verdient er damit grob Geld.“

„Oder den Strick“, erwiderte der Ober lächelnd. Er brach kurz ab und fragte: „Können Sie uns nicht einen Bock schießen, wir haben ihn heute schon bei Ihrem Herrn Vater bestellt.“

„Das läßt sich machen“, erwiderte Walter erfreut, „der Vater hat mir noch einen Bock freigegeben und ich weiß einen kapitalen Burschen, dessen Gehörn mir noch heute gehören soll, wenn ich nur etwas Weidmannsheil entwickle.“

Eine Stunde später fuhr er nach Hause, schlich auf sein Zimmer, und warf sich in den Kleidern noch für zwei Stunden auf die Liege. Als der Morgen graute, stand er auf und fuhr zu Rad in den Wald. An dem großen Torfbruch stellte er es ins Dickicht und pirschte sich am Waldrand entlang. Auf die meliorierten Wiesen, auf denen der zweite Schnitt mit viel Klee untermischt fast kniehoch stand, pflegten die Rehe gern auszutreten. Er hatte etwa eine halbe Stunde gestanden, als der kapitale Bock, an dessen weit ausgerecktem Gehörn die weißen Enden im Morgenlicht schimmerten, von dem Torfbruch her vertraut angetrollt kam und auf der Kunstwiese zu äsen begann. Mit gutem Blattschuß legte Walter ihn auf die Decke. Als er das prächtige Gehörn in der Hand hielt, stieß er vor Freude einen lautschallenden Jagdruf aus, schmückte sein Hütchen mit einem Bruch und fuhr mit der schweren Beute auf dem Rücken heim.

Der Vater war eben von seiner Reise zurückgekommen. Etwas wie Vaterstolz leuchtete in den Augen des Grünrocks auf, als der Sohn elastisch wie eine Feder vom Rad sprang und den Bock abwarf. Er war schon oben auf seinem Zimmer gewesen und dachte nichts anderes, als daß Walter irgendwo die Nacht durchsumpfte. Umsomehr freute es ihm, daß er sich geirrt hatte. „Junge“, rief er: „Wenn du dich mit solchem Eifer und Erfolg an die Wissenschaften heranpirschen würdest, dann könntest du noch ein ganzer Mann werden.“

„Dazu scheint mir das Geschick zu fehlen, lieber Vater,“ erwiderte Walter lachend, „weshalb hast du mich nicht Forstmann werden lassen?“