„Da kann ich noch lange warten“, erwiderte die Hausfrau, anscheinend verdrießlich und verließ das Zimmer.

Es war durchaus nicht verwunderlich, daß der Forstmeister, als er einen Lehrherrn für seinen Jungen suchte, auf den Oberamtmann in Polommen verfiel, mit dem er schon lange befreundet war. Schon an einem der nächsten Tage fuhr er zu ihm und brachte sein Anliegen vor. Der Dicke schlug es ihm rundweg ab. „Ich habe schon zwei, eine Skatpartie ist zu viel. — Ich kann dir aber einen guten Rat geben. Bringe ihn zu meinem Nachbar Braun in Nonnenhof, du kennst ihn ja auch. Das ist ein tüchtiger ehrenhafter Mann, der auf seinen tausend Morgen gut vorwärts kommt. Wart’ mal, er wird jetzt zu Hause sein.“ Er nahm den Hörer des Fernsprechers ab und ließ sich verbinden. Nachdem er die einleitende Frage getan, ließ er nur ab und zu ein zustimmendes Brummen hören.

„Also Braun will! Du fährst am besten gleich zu ihm rüber und machst alles mit ihm ab. Auf den Rückweg sprichst du bei mir an und bleibst zu Mittag.“

Der Gutsbesitzer Braun, der die Vierzig noch nicht überschritten hatte, brachte mehrere Bedenken vor. Das Schwerwiegendste war die Frage, ob Walter, der schon ein paar Jahre die studentische Freiheit genossen habe, sich in die Einsamkeit der abgelegenen Besitzung würde einfügen lassen.

„Das ist ja gerade das, was mir für meinen Jungen am wünschenswertesten erscheint. Lassen Sie ihm nichts durchgehen und nehmen Sie ihn scharf ran. Es soll keine Sommerfrische zur Erholung sein, sondern ein Lehrjahr.“

*

Schon nach acht Tagen siedelte Walter nach Nonnenhof über und begann seinen neuen Beruf, ebenso wie Franz Rosumek, mit der Beaufsichtigung der Kartoffelgräber. Und doch fühlte er sich glücklich, denn der Gedanke, Tag für Tag das trockene Jus zu büffeln, erregte ihm Grauen. Langeweile kam bei ihm nicht auf, denn sein Lehrherr sorgte dafür, daß er vom Abfüttern, das schon um fünf Uhr früh stattfand, bis zum Abend auf den Beinen blieb und dann rechtschaffen müde war, daß er sich freute, sein Bett aufsuchen zu dürfen. Am Sonntag fand er Zeit, seinen Eltern einen Brief zu schreiben. Und er bemühte sich, vor ihnen die Enttäuschung zu verbergen, die ihm sein neuer Beruf bis jetzt bereits bereitet hatte.

Die Mutter antwortete jedesmal umgehend und ausführlich. In einem ihrer Briefe berichtete sie nach den üblichen Ermahnungen, daß Grinda noch immer nicht zurückgekehrt wäre. Auch von Olga schrieb sie. Sie hätte eines Tages kurzerhand den Stellvertreter des Onkels, der sich täglich zweimal betrank, an die Luft gesetzt und wirtschaftet allein. Sie habe ein Schreiben des Onkels, daß ihr für den Fall, daß er nicht wiederkehrte, alles gehörte. Auch der Vater sei besorgt, daß Grinda in Rußland etwas zugestoßen sei. Es gebe jedoch keine Möglichkeit, nach seinem Verbleib Nachforschungen anzustellen.

Diese Nachricht ließ in Walter wieder den Verdacht aufsteigen, den er mal gegen den Oberkellner im Café gefaßt hatte. Und es fiel ihm schwer in die Seele, daß er dem Mann gegenüber Grindas Reise nach Rußland erwähnt hatte. War der Mann wirklich ein Spion, dann war Grindas Verschwinden erklärlich und das Schlimmste zu befürchten. Und er allein trug die Schuld daran.

Zu Weihnachten gab ihm sein Chef Urlaub bis nach Neujahr. Am heiligen Abend begann es zu schneien und schneite durch, bis in die Nacht zum zweiten Feiertag. Schon bei Tagesgrauen fuhr der Forstmeister mit Walter auf einer Schleife ohne Kufen, die leicht über den lockeren Schnee wegglitt, in den Wald. Es war nicht ausgeschlossen, daß die schlimmen Gäste aus Rußland sich eingestellt hatten. Fast alljährlich kamen Wölfe einzeln oder in kleinen Rudeln im Winter über die Grenze und richteten in dem Wildstand der preußischen Grenzforsten schweren Schaden an. Sie fanden auch wirklich die Fährte zweier Wölfe und die Überreste eines Rehes, daß sie gerissen und aufgefressen hatten.