Ich erwiderte, ich hätte mir doch keine Aufzeichnungen gemacht, wie sollte ich alles, was ich hörte oder sah, in meinem Gedächtnis behalten. Der Auditeur meinte mit einem boshaften Lächeln, es gäbe schon Mittel und Wege, das, was man jeden Tag erfahre, über die Grenze zu schaffen. Mensch, Forstmeister, mir war nach diesem Verhör ganz eklig zu Mut. Ich fühlte schon den Strick an meiner Gurgel. Einige Tage später wurde ich auf einer Kibittke von Kosaken eskortiert nach Suwalki gebracht und dort noch dreimal verhört. Ich hatte schon alle Hoffnung verloren, als ich eines Tages in meinem Kommißbrot ein Päckchen fand, das eine scharfe Feile und etwas Geld enthielt. Von wem, das weiß ich, aber davon schweigt des Sängers Höflichkeit. Ich sägte in der nächsten Nacht einen Stab meiner schwedischen Gardinen durch, brach aus und fand bei meinem Helfershelfer Unterschlupf, wo ich noch drei Wochen in einem Versteck liegen mußte, bis ich nachts über die Grenze geschafft werden konnte. Aber ich habe nicht umsonst die Angst ausgestanden, ich bringe eine Menge wichtiger Nachrichten mit. Es ist wohl am besten, wenn ich mit dem Major bei dir zusammentreffe.“
In froher Stimmung berichtete der Forstmeister zu Hause die Erlebnisse seines Schulkameraden. Als er erwähnte, daß die Anzeige von deutscher Seite ausgegangen sein müßte, wurde Walter abwechselnd rot und blaß und sein Schuldbewußtsein war so stark, daß es ihm das Bekenntnis entriß, das Geheimnis ausgeplaudert zu haben. „Dann ist der Oberkellner im Café ein verkappter russischer Spion, und er hat die russischen Behörden benachrichtigt. Ich habe ihn im Verdacht, daß er jeden Abend die Offiziere belauscht, um manches zu erfahren, was ihm wissenswert erscheint.“
Der Forstmeister hielt erst seinem Sprößling eine heftige Standpauke und dann teilte er dem Major die Rückkehr Grindas und Walters Verdacht gegen den Oberkellner mit.
Zwei Stunden später rief der Major an, der Vogel sei schon in der vergangenen Nacht ausgeflogen. Er habe eine Anzahl Papiere in seinem Zimmer verbrannt, aber man habe noch genug gefunden, was den Verdacht bestätigte, unter anderem eine Anzahl falscher Pässe und Ausweise, die der Bursche wie zum Hohn offen auf seinen Tisch hingelegt habe. Man vermute einen russischen Offizier in ihm. Er sei ohne Zweifel in einer Verkleidung über die Grenze entkommen und längst in Sicherheit.
9. Kapitel
Gleich nach Neujahr setzte heftiger Frost ein. Dabei wehte ein lebhafter Nordwest, der die Kälte noch fühlbar verschärfte. Die großen masurischen Seen waren schon vor Weihnachten zugefroren. Jetzt barst ihre Eisdecke unaufhörlich unter donnerähnlichem Krachen. Ein handbreiter Spalt klaffte, aus dem das Wasser über die Ränder drang. An jedem Abend, wenn die Sonne in einem Glutmeer unterging, das mit unheimlicher Pracht den Himmel bedeckte, begann ein Höllenkonzert. Bald rollte und grollte es wie dumpfverhallender Donner, bald krachten scharfe Schläge wie Kanonendonner einer großen Schlacht.
Nach acht Tagen ging der Wind herum nach Westen und trieb dunkle, schwere Wolken herauf, aus denen der Schnee still in großen Massen fiel. Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht. Immer höher häuften sich die weißen Massen auf den Wipfeln der Kiefern und Fichten. Den Rottannen vermochte der Schnee keinen Schaden zu tun. Ihre elastischen Äste bogen sich unter der Masse abwärts, bis die Last abrutschte und sie sich wieder aufrichten konnten. Aber aus den Wipfeln der Kiefern brach der Schnee schenkeldicke Äste und riß dem Baum tiefe Wunden, in die der Frost eindrang und dem Baum ans Lebensmark ging.
Am schlimmsten sah es in den Kiefernschonungen aus, wo die Stämme schlank wie eine Gerte emporschießen. Wer da im Wachstum mit den Genossen nicht gleichen Schritt hält, wird von Luft und Licht abgeschnitten und geht kümmerlich ein. Jetzt wurde der schlanke Wuchs ihr Verderben. Die Last, die sich unaufhörlich auf ihre Wipfeln herabsenkte, bog die dünnen Stämme abwärts. Flocke auf Flocke sank hernieder, immer tiefer bog sich der Baum, bis er mit scharfem Knall abbrach. Und nicht bloß einzelne erlagen dem Verderben, nein, wie ein nie ersterbendes Gewehrfeuer knatterte es in den Schonungen.
Erschreckt, verängstigt flüchtete das Wild aus dem Walde und trieb sich am Tage auf den Feldern umher, denn die Nacht war nicht lang genug, um ihren Hunger zu stillen, weil der Schnee fußhoch die Nahrungsquelle, die Wintersaat, deckte. Die Rebhühner zogen sich bis in die Hausgärten hinein und kamen ohne Scheu angelaufen und geflattert, wenn eine mitleidige Hand ihnen Hintergetreide als Futter streute. Auf den Gehöften wanderten die Krähen wie zahme Haustiere umher und lungerten nach jedem Abfall, den sie gierig verschlangen.
Auf den Feldern hörte jede Arbeit auf. Das Wirtschaftsgebiet des Landmanns beschränkte sich auf die Ställe. Walters Lehrherr war ein erfolgreicher Viehzüchter, die Ställe waren musterhaft eingerichtet. Seine Butter ging unter der Marke „Maiblüte“ im Sommer und Winter nach Berlin. Der Schweizer war ein sehr zuverlässiger, älterer Mann, dem man in jeder Beziehung vertrauen konnte. Trotzdem hielt sich der Gutsherr täglich stundenlang in den Ställen auf.