„Gnädiges Fräulein schon auf?“

Sie bot ihm lachend die Hand. „Ich bin kein gnädiges Fräulein, und das Frühaufstehen bin ich gewohnt. Wollen Sie einen Topf Kaffee haben?“

Walter nahm am Küchentisch Platz und labte sich an Speise und Trank. Zu Mittag gab’s eine Überraschung. Die Mamsell hatte gekündigt, weil sie sich nicht den Anordnungen der „jungen Person“ fügen wollte, und zog schon gegen Abend mit Sack und Pack davon. Sie hatte sich für unentbehrlich gehalten und aufgetrumpft. Zu spät sah sie ein, daß sie sich in die Nesseln gesetzt hatte.

Seitdem Minna die Leitung der Wirtschaft in die Hand genommen hatte, lief der Haushalt wie am Schnürchen. Alles im Hause bekam einen behaglicheren, freundlichen Anstrich. Trotzdem behielt sie noch Zeit für feine Handarbeiten. Und oft hörte man ihre kleine, aber angenehme Stimme, wenn sie bei der Arbeit Volkslieder sang.

Eines Abends erbot sich Walter, sie beim Singen zu begleiten. Ohne sich zu zieren, trat sie ans Klavier und stimmte „Ännchen von Tharau“ an. Walter nahm nicht nur die Singstimme auf, sondern umrankte sie auch durch eine geschickte Begleitung. Fortan musizierten sie jeden Abend miteinander. In ruhiger Freundlichkeit behandelte sie den jungen Mann wie einen guten Kameraden. Und er hütete sich, ihr durch einen Blick oder Wort zu verraten, wie sehr sie ihm gefiel. Ihre seelische Reinheit und ihr lauteres Wesen umgaben sie wie ein Schutzmantel der Unnahbarkeit. Am Abend waren die beiden jungen Menschenkinder stundenlang allein, denn der Gutsherr saß meistens um diese Zeit über seinen Büchern, oder er fuhr auch ab und zu aus. Dann ließ Walter in das blaue Eckzimmer, in dem sich ein Kamin befand, einige Arme voll Holz hineintragen, und wenn das Feuer lustig prasselte und mit seinem warmen Licht den mit Sesseln behaglich ausgestatteten Raum füllte, dann setzten sie sich einander gegenüber und plauderten. Ganz von selbst kam Walter darauf, ihr von seinen Eltern und von seiner Kindheit zu erzählen. Er gestand ihr offen ein, daß er fünf Semester verbummelt und ein lockeres Leben geführt habe.

Auch sie ging allmählich aus sich heraus und erzählte aus ihrem Leben. Friedrich sei ihr ältester Stiefbruder. Ihr Vater habe noch zum zweiten Male geheiratet, und da sei sie als Spätling zur Welt gekommen. Der Bruder, der noch mehrere Geschwister hatte, habe sich ihrer angenommen, habe sie nach dem Tode der Eltern bei einer befreundeten Familie in der Stadt untergebracht und zur Schule geschickt. Dann habe sie zwei Jahre auf einem Gut die Wirtschaft gelernt, und nun sei sie hier und glücklich, daß sie für den Bruder, dem sie soviel Dank schulde, arbeiten und sorgen könne.

10. Kapitel

Es ging schon gegen das Frühjahr, als der Oberamtmann seine Frau mit der Nachricht überraschte, ein Freund von ihm, Oberleutnant Viktor von Sawerski, bäte, als Volontär für ein Jahr aufgenommen zu werden. Er habe von einer Tante ein großes Vermögen geerbt; daraufhin habe er seinen Abschied eingereicht und beabsichtige, bei ihm die Wirtschaft zu erlernen, um sich später selbst ein Gut zu kaufen. Er könne, da er selbst als Reserveoffizier bei demselben Regiment geübt, die Bitte nicht gut abschlagen.

„Dazu liegt ja auch wohl kein Grund vor. Aber dann müssen schnell im Beamtenhaus zwei, drei Zimmer eingerichtet werden, weil dein Freund nicht im Hause wohnen kann.“

„Weshalb denn nicht?“