„Ich dächte, lieber Freund, tüchtige Kräfte täten jetzt vor allem der Landwirtschaft not“, erwiderte der Schulze eifrig. „Immer schwerer wird es uns Landwirten, die schlechten Zeiten zu überwinden. Ich stehe ja, Gott sei Dank, noch fest in den Sielen, aber manchmal wünsche ich sehr, ich hätte mehr gelernt. Drum möchte ich gern aus meinem Jungen einen klugen Landwirt machen, der seinen Beruf aus dem Grund versteht und mit dem Fortschritt der Zeit mitgeht.“
„Es ist schwer, dir darauf zu erwidern,“ meinte der Pfarrer, indem er graue Dampfwolken nach einem Nachtfalter blies, der die Lampe umschwirrte, „denn das sind vernünftige Worte. Natürlich, keinem Stand gereicht ein kluger Kopf, ein tüchtiger Mann zur Unehre. Es ist jedoch in unserm Fall ein Aber dabei. Ich meine nämlich, bei Kindern von ungewöhnlicher Begabung müßten die Eltern doppelt vorsichtig sein, daß sie sie nicht auf einen falschen Weg leiten, auf dem sie keine innere Befriedigung finden. Deshalb ist es auch voreilig — nimm mir das Wort nicht übel, liebe Minna, schon jetzt zu wünschen, daß der Junge Theologie studieren soll. Den Wunsch begreife ich, den haben viele Mütter, — meine hat ihn ja auch gehabt — aber wenn die Kinder groß werden, dann bekommen sie das Recht, sich ihren Beruf selbst zu wählen .... Laß mich noch ein Wort sagen, Vetter Christoph, es wäre gar nicht ausgeschlossen, daß dir der Junge von dem Wege abbiegt, den du ihm vorschreiben willst. Deshalb möchte ich einen vermittelnden Vorschlag machen: bring’ Franz, wenn er so weit ist, aufs Gymnasium. Die Stadt ist so nahe, daß er mit einem tüchtigen Kunter morgens hinfahren und nachmittags nach Hause kommen kann. So bleibt der Junge im Elternhause und in Fühlung mit der Landwirtschaft und wir behalten ihn unter den Augen. Zeigt er Sinn für deinen Beruf, so wollen wir ihn darin bestärken. Wenn nicht — so mußt du dich darin fügen und ihn seinen Weg allein gehen lassen.“
Eine lange Pause entstand, bis der Pastor noch einmal das Wort nahm. „Es braucht nicht heute oder morgen der Entschluß gefaßt zu werden, die Sache eilt nicht. Noch ein Jahr oder zwei kann er zu Grigo in die Dorfschule gehen; er lernt hier ebensoviel, wie in der Vorschule des Gymnasiums.“
Er stand auf und bot Rosumek die Hand. „Überschlaft euch die Sache, Vetter Christoph, wir sprechen später wieder einmal darüber. Gute Nacht, gute Nacht, meine Lieben. Es ist spät geworden und für euch ist beim ersten Morgengrauen die Nacht zu Ende.“
Pastor Uwis bot seiner Ehehälfte den Arm und wandelte mit ihr langsam und nachdenklich durch die helle Mondnacht dem Pfarrerhof zu. Erst als er daheim das Licht anzündete, brach er das Schweigen. „Ich glaube zu bemerken, mein liebes Weib, daß du mit mir nicht ganz derselben Meinung bist?“
„Ich wollte dir nicht widersprechen, aber nun will ich es dir offen sagen: ich würde mich an deiner Stelle vor der Verantwortung scheuen, die aus solch einem Rat entspringen kann. Wenn zum Beispiel der Junge auf der Hochschule verbummelt?“
Pastor Uwis lachte laut auf. „Der Junge, der Franz soll verbummeln? Nein, meine gute Amalie, du bist eine gute und auch eine kluge Frau, aber eine Herzenskündigerin bist du nicht. Sonst müßtest du das Gold in dem Charakter dieses kleinen Buben sehen.“ Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: „Weißt du, Frau, es ist mir ja manchmal schwer angekommen, daß unsere Ehe kinderlos blieb, aber seit der Franz da ist, habe ich mich getröstet. Der soll, wie Frau Jeanette Groterjahn seggt, mein Erziehungssubstrat werden. Für den Erfolg stehe ich ein!“
2. Kapitel
Im Schatten der alten Linde, auf grünem Rasen hatten die beiden an Jahren so ungleichen Freunde ihre Schulstube aufgeschlagen. Franz saß am Tisch, der Pfarrer ging vor ihm auf und ab und blies in den Pausen seines Vortrages starke Wolken aus seiner langen Pfeife in die frische Morgenluft. Er erzählte seinem Zögling von den alten Preußen und geriet dabei immer mehr in Eifer, besonders wenn er auf seine engere Heimat, Masuren, zu sprechen kam. Dort hatten die Bewohner, die Sudauer, dem deutschen Ritterorden am längsten Widerstand geleistet.
„Vergeblich habe ich nach einer Spur der Erinnerung in unserem sangesfrohen Volksstamm geforscht. Hätten nicht die deutschen Eroberer die Kunde davon bewahrt, dann wüßten wir nicht einmal, wo die Burg des letzten Masurenhelden Skomand gestanden hat. Wie wär’s, mi fili, wenn wir morgen bei Sonnenaufgang den Marsch nach Skomenten unternähmen? Abends kehren wir müde aber vergnügt nach Hause zurück. Der Tag soll uns trotzdem nicht verloren gehen, denn als überzeugungstreue Peripatetiker werden wir uns den Weg durch belehrende Gespräche kürzen.“