Wie ein Sturmwind flog der Knabe hinter dem Tisch hervor, wirbelte seinen Lehrmeister ein paarmal rundum und schlug dann vor Freude ein Rad nach dem anderen über den Rasen. Gerührt sah der Pastor eine Weile dem Knaben zu, bis er ihn anrief: „Gib Ruhe, du Wildfang! Meinst wohl, ich könnte meiner Würde in offenem Garten soweit vergessen, deinem Beispiel zu folgen? Denn die Schnellkraft der Glieder sollte mir wohl nicht fehlen. So, nun setz dich und gib acht, was ich dir sagen werde; ich fürchte, deine Lustigkeit wird etwas nachlassen, wenn ich dir sage, daß dieser Marsch für eine Weile der letzte sein wird, den wir miteinander machen! Sieh mich nicht so erschreckt an, mi fili! Du bist jetzt dreizehn Jahre alt und hast die Kenntnisse der Obertertia so ziemlich erreicht. Weiter kann ich dich nicht unterrichten. Es ist dir auch sehr dienlich, daß du unter Altersgenossen kommst und dich an ihnen abschleifst.“
„Grans’ nicht, großer Kerl du“, rief er gleich danach aus, als er sah, daß dem Knaben die Tränen aus den Augen perlten. „Die Stadt ist so nahe, daß du in jeder Woche mehrmals zu Fuß herwandern kannst, wenn dein Vater dich in eine Pension bringt, was ich, unter uns gesagt, nicht für ratsam hielte. Ich sehe, Vernunftgründe sind bei dir nicht angebracht“, fuhr er nach einer Weile fort, als der Knabe still vor sich hinweinte, „da soll dich die Arbeit trösten. Hier,“ er schlug ein Buch auf, „diese beiden Stücke übersetzt du mir ins Französische.“
Er wandte sich schnell ab, der Gute, denn auch ihm war das Herz schwer geworden. Sein eigenes Kind hätte ihm nicht lieber werden können, als der frische Junge, der seine Liebe und Sorgfalt mit der rührendsten Anhänglichkeit vergalt. Wie zwei gute Kameraden hatten sie miteinander gelebt, der erfahrene, in sich gefestigte Mann und der schmiegsame Knabe. Mit verschwenderischer Fülle hatte der Lehrmeister aus dem Born seines Wissens die Samenkörnlein guter Lehren ausgestreut und nicht ein einziges war auf unfruchtbaren Boden gefallen. Früh am Morgen kam Franz mit seiner Mappe nach dem Pfarrhof gewandert. Bei gutem Wetter im Sommer suchte man sich ein behagliches Plätzchen im Garten, im Winter bot das Studierzimmer des Pastors schützendes Obdach. Am Nachmittag machten Lehrer und Schüler große Spaziergänge, sie fuhren gemeinsam angeln, sie wirtschafteten im Garten und im Felde. Mit peinlicher Gewissenhaftigkeit suchte Pfarrer Uwis in seinem kleinen Genossen die Liebe an der Landwirtschaft zu wecken. Er war glücklich, wenn Franz mit Eifer am Morgen Vorfälle aus der väterlichen Wirtschaft berichtete oder in der Erntezeit vom Sattelpferd aus das vierspännige Gespann lenkte.
Und der Junge hatte wirklich Interesse an dem Beruf eines Landwirts gefaßt. Er wußte in Hof und Feld genau Bescheid und beurteilte, wie sein Vater dem Pfarrer mit Stolz erzählt hatte, ganz genau, ob ein zweijähriges Fohlen im nächsten Jahr zur Remonte ausgehoben würde.
Mit dem ersten Hahnenschrei waren die beiden Freunde am nächsten Morgen aus den Betten gefahren und als der erste Sonnenstrahl über dem See aufleuchtete, wanderten sie schon, die wohlgefüllten Ränzel auf dem Rücken, dem Bergwald zu. Die herzerfrischende Kühle eines klaren Sommermorgens umfing sie; hoch im Blau des Himmels jubilierte die Lerche, an den Spitzen der Gräser glitzerten die Tautropfen. Der frisch einsetzende Wind trieb die Nebelschwaden durch die Wipfel der hohen Fichten an den Bergen entlang, bis sie unter den Strahlen der Sonne in Nichts zerrannen.
Aus dem hohen Roggen zu ihrer Rechten kam eilfertig ein Rebhuhnpaar gelaufen, mit ausgebreiteten Flügeln schoß die Schar der Jungen hinterdrein, keines größer als ein Sperling. Kaum waren sie im dichten Kartoffelkraut verschwunden, da setzte im blinden Eifer mit großen Sprüngen der Fuchs auf der frischen Spur hinterdrein. Mit komischem Eifer schleuderte der Pfarrer seinen Wanderstock nach dem Rotrock, der in jähem Schreck wie angewurzelt stehen geblieben war, bis der Wurf ihn zurückscheuchte.
„Sieh, mein Sohn, jetzt wird der Räuber eine Minute warten, bis er uns weggehen hört und dann mit doppeltem Eifer der Spur folgen. Aber warte, du Räuber! Sowie der erste Schnee die Felder deckt, erwische ich dich im Eisen. Nicht umsonst bin ich im Forsthause aufgewachsen.“
„Weshalb bist du nicht Förster geworden, Onkel?“ fragte der Knabe. „Davon hast du mir noch nichts erzählt.“
„Warte, mein Kind, bis wir in den Wald kommen, dann erzähle ich es dir.“
Eine Weile schon schritten sie zur Seite des Weges im Wald dahin, als der Pastor begann: „Du hast gestern geweint, weil du eine kleine halbe Meile von deinem Elternhause ein paar Jahre verleben mußt. Mir ist es viel schlimmer gegangen.“ Und nun erzählte er mit verhaltener Stimme, aus der wehmütige Erinnerung klang, von dem alten Forsthause tief in der Johannisburger Heide, wo er fast eine Meile täglich hin und zurück zur Schule laufen mußte. Wie ihn dann der Vater als achtjährigen Knaben zur Schule nach Johannisburg gebracht und ihn am anderen Morgen vor der Tür des Forsthauses im Grase schlafend gefunden. „So hab’ ich mich gebangt und gesehnt nach dem Wald, dem See und den Bergen, daß ich abends meinen Pensionseltern entwischte und durch die stockfinstere Nacht und den rauschenden Wald der Heimat zuwanderte. Später brachte mich der Vater nach Lyck aufs Gymnasium. Es waren gut acht Meilen nach Hause, aber wenn mich die Sehnsucht faßte, dann bin ich die Nacht vom Sonnabend zu Sonntag gelaufen, um ein paar Stunden am Sonntag zu Hause schlafen zu können. In den Ferien habe ich den Vater auf Schritt und Tritt begleitet, habe mit ihm gejagt und gefischt und wenn ich wieder nach der Stadt zurück mußte, noch als erwachsener Junge geweint. Mein ganzes Dichten und Trachten war nur darauf gerichtet, Förster zu werden und ein ebenso tüchtiger Weidmann wie mein Vater. Aber meine Mutter wollte etwas anderes. Ich sollte Pfarrer werden ..... ich bin es ja auch geworden, doch davon erzähle ich dir später einmal, wenn du älter bist.“