Als die Freundin sie verlassen hatte, warf sich Adelheid wieder in den Sessel und schlug die Hände vors Gesicht. Unaufhaltsam kamen ihr die Tränen. Sie fühlte sich in diesem Augenblick todunglücklich. Ihr ganzes Leben widerte sie an. Erinnerungen zogen an ihrem Geist vorbei. Wie aufreibend war dieser ewige Kampf mit der Männerwelt, die sie lüstern umkreiste. Und manche Erinnerung brannte in ihr und sie konnte sie nicht verjagen. Wie ein Freiwild war sie sich manchmal vorgekommen, auf das man ungestraft Jagd machen konnte. Ja, flirten wollten die Männer alle mit ihr. Mehrere Male war auch ihr Herz nicht unberührt geblieben, und jedesmal kam danach die große Enttäuschung. Einmal war sie mit einer peinlichen Demütigung verbunden gewesen. Sie stöhnte laut auf. Heiß stieg es in ihre Wangen, als ihr der Gedanke kam, daß sie noch einmal die Jagd auf einen Mann beginnen sollte.

Sie stand auf und kühlte ihre Augen in kaltem Wasser. Dann nahm sie Sawerskis Brief zur Hand und überlas mehrere Male seine Worte, um zu prüfen, ob sich mehr darin entdecken ließ, als mit der neuen Hausgenossin in ein erträgliches Umgangsverhältnis zu gelangen. Mißmutig warf sie ihn hin. Plötzlich nahm sie ihn wieder auf und zerriß ihn mit einem schnellen Griff, und während sie halblaut vor sich hinsummte: „Auf in den Kampf, Torero!“, begann sie, ihre Garderobe zu mustern. Endlich fand sie ein ganz einfaches Kleid und ein kokettes Schürzchen dazu.

Frau Olga schmunzelte, als Adelheid in diesem Anzug vor ihr erschien. „Nun werde ich dich in die Zubereitung von Kaffee und Tee einweihen.“

„Oho, Frau Oberamtmann, über diese Anfangsgründe bin ich schon hinaus. Wenn du mir also deinen Wirkungskreis übergeben willst.“

Während sie sich an dem Kessel zu schaffen machte und die Getränke aufbrühte, trat der Hausherr ein. Schon von der Schwelle her rief er: „So gefallen Sie mir, mein Fräulein.“

„Ich kann doch nicht immer als große Dame hier paradieren, besonders nicht, wenn ich mich der Hauswirtschaft widmen will“, gab Adelheid lachend zur Antwort.

Herr von Sawerski war hinter dem Hausherrn eingetreten. Er ging ein paar Schritt auf Adelheid zu und machte ihr eine tiefe Verbeugung. Sie streckte ihm mit freundlich unbefangener Miene die Hand hin, deren Druck ihm eine deutliche Antwort gab, die ihn von seinen Zweifeln und Befürchtungen befreite.

„Gnädiges Fräulein wollen sich wirklich der Hauswirtschaft annehmen?“

„Dazu bin ich ja hierher aufs Land gekommen“, erwiderte Adelheid mit ernster Miene.

„Frau,“ rief der Hausherr laut lachend, „unser Personal mehrt sich. Was meinst du, wenn wir auf das Beamtenhaus noch eine Apanage aufbauen ließen, wie Onkel Bräsig sagen würde, und uns mit der Aufzucht von männlichen und weiblichen Wirtschaftern befaßten?“ Er lachte nochmals dröhnend auf. „Gnädiges Fräulein müssen aber schon vorläufig im Herrenhause vorlieb nehmen, denn im Beamtenhaus ist augenblicklich kein Zimmer frei.“