„Aber Konrad!“ mahnte die Hausfrau. Er sah sie mit der unschuldigsten Miene an. „Habe ich in meiner Freude einen Bock geschossen? Ich glaube, deine Freundin will allen Ernstes bei dir in die Schule gehen, um dich später völlig zu entlasten.“

„Das will ich auch“, erwiderte Adelheid fest. „Und ich bitte Ihre Gattin, meine verehrte Freundin, allen Ernstes, mich durchaus als Lehrling anzusehen und zu behandeln.“

„Na, dann wollen wir mal gleich ein Programm Ihrer Betätigung entwerfen. Heute Abend noch ein leichtes Geplänkel in der Küche mit Bratkartoffeln und Setzei. Aber morgen ... da geht’s los. Zum Melken brauchen Sie nicht zu gehen, das beaufsichtigt Franz. Aber die Behandlung der Milch muß man als perfekte Hausfrau unbedingt verstehen. Also um 6 Uhr in der Meierei. Natürlich in Begleitung meiner Frau.“

Gut gelaunt spann er den Faden immer weiter .... Adelheid kam es allmählich zum Bewußtsein, daß aus dem Spiel bitterer Ernst wurde. Aber sie war entschlossen, die neue Rolle, die ihr fast ohne ihr Zutun zugefallen war, mit Festigkeit durchzuführen. Vielleicht war es der richtige Weg, der sie in die Ehe hineinführte. Manchmal streifte ihr Blick forschend Herrn von Sawerski, der sich mit Eifer an der Ausarbeitung des Programms beteiligte, und es schien ihr, als wenn er daran Gefallen fand, daß sie mit Ernst und Eifer sich in die Rolle hineinlebte.

Am anderen Morgen erstaunte Franz nicht wenig, als er beim Abliefern der Milch in der Meierei neben der Frau des Hauses das Fräulein vorfand. Sie hatte ihr Kleid geschürzt und trug derbe Schuhe und ließ sich mit Eifer zeigen, wie der Fettgehalt der Milch festgestellt wurde. Er war so verwirrt, daß er sich bei Angabe der Literzahl irrte. Adelheid reichte ihm freundlich lächelnd die Hand. „Ich bin Ihre Kollegin geworden, Herr Rosumek. Ja, wirklich, sehen Sie mich nicht so erstaunt an. Ich erlerne die Hauswirtschaft. Der Anfang ist ja etwas feucht, aber ich denke, es wird auch anders kommen.“

Als Franz ins Freie trat, fühlte er sein Herz heftig klopfen. Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen und in den Adern am Halse ....

12. Kapitel

Die Entwicklung, die bei Adelheid eingesetzt hatte, wurde durch Frau Olga klugerweise gefördert. Sie zügelte den Eifer, den sie zunächst, bis zum Beweise des Gegenteils, für ein Strohfeuer hielt, und beschäftigte sie nur soweit in der Wirtschaft, daß die Lernbegierige noch reichlich Zeit fand, sich ans Klavier zu setzen, zu spielen und zu singen. Auch ihrem „Brummbär“ hatte sie es beigebracht, daß er nicht durch gutmütigen Spott und Neckereien Adelheids Vorsätze zum Wanken brächte.

Man war in der Saatzeit. Viktor hatte sich ein Reitpferd angeschafft. Er erschien nur zu Mittag im Herrenhause und ließ sich abends einen kalten Imbiß in sein Zimmer bringen. Denn wenn er mit Dunkelwerden vom Felde kam, hatte er keine Lust mehr, sich umzuziehen. Er benahm sich ritterlich höflich gegen Adelheid, aber aus seinem Benehmen ließ sich kein Schluß ziehen, ob er sich für sie interessierte.

Zwischen den beiden Damen wurde darüber nicht gesprochen, ja, Adelheid verschwieg ihrer Freundin, daß sie fast täglich ein Sträußchen in ihrem Zimmer fand, das nur durch das offene Fenster hineingeworfen sein konnte. Es war aus Feld- und Waldblumen, wie sie der Frühling bringt, zierlichen Gräsern und frischem Grün geschmackvoll zusammengesetzt. Als sie das erste Sträußchen fand, klopfte ihr Herz einen Augenblick schneller, denn ihr Wunsch ließ sie auf Viktor als Spender raten. Um sich Gewißheit zu verschaffen und dem gütigen Spender ein Entgegenkommen zu erweisen, steckte sie es zu Mittag an ihren Busen. Aber Viktor verriet durch seine kühl-höfliche Frage, ob sie an den unscheinbaren, duftlosen Blümchen Gefallen finde, daß er nie daran gedacht hatte und hätte, sie durch eine solche kleine, aber sinnige Huldigung zu überraschen und zu erfreuen.