Am nächsten Sonntag, als die beiden Lehrlinge bei Tisch erschienen, steckte sie wieder solch ein Sträußchen an und entdeckte, was sie schon vermutete, daß Franz der heimliche Verehrer war, der seinen Gefühlen auf diese Weise Ausdruck gab. Er wurde rot und verlegen. Ihr Wohlgefallen an dem frischen Jüngling verleitete sie dazu, ihn mehrmals ins Gespräch zu ziehen. Er wurde dadurch noch verlegener, denn sein Herz stand in lichten Flammen.
Die Neigung zu dem schönen, reifen Mädchen, das ihm wie ein höheres Wesen vorkam, war gleich bei der ersten Begegnung aufgeflammt. Und in den letzten Wochen war sie zu einer Leidenschaft angewachsen, die sein ganzes Denken und Fühlen erfüllte. Wegen seiner Zuverlässigkeit hatte ihm der Oberamtmann den Hofdienst anvertraut, wozu auch die Verwaltung des Speichers gehörte, wo er den Kämmerern das Saatgut zumessen mußte. Und seitdem Adelheid sich in der Wirtschaft betätigte, traf er mehrmals am Tage mit ihr zusammen. Es ergab sich von selbst, daß er sie ab und zu auf einem Gang begleitete. Einmal hatte er ihr dabei einen kleinen Dienst erwiesen. Adelheid wollte ein noch sehr junges Kälbchen tränken. Aber das dumme Tierchen stieß wohl mit dem rosig gefärbten Mäulchen in den Milcheimer, trank aber nicht. Da verriet ihr Franz lachend, sie müsse dem Kälbchen einen Finger in das Mäulchen stecken. Sie tat es und erreichte dadurch ihr Ziel.
Ihr feines Gefühl hatte ihr schon bald verraten, daß Franz sie verehrte. Denn bei jeder Begegnung strahlte sein frisches Gesicht vor Freude. Und unter vier Augen überwand er schnell seine Befangenheit und plauderte mit ihr offen und vertrauensvoll. Als er jedoch am Sonntag Mittag das Sträußchen an ihrem Busen gewahrte, vermochte er sich kaum zu beherrschen, um nicht ganz verkehrte Antworten zu geben. Als die beiden Lehrlinge nach dem Essen ins Beamtenhaus zurückgingen, um den freien Nachmittag zu einem Schläfchen zu benutzen, stieß Kolbe seinen Leidensgefährten an und sagte hämisch:
„Bilden Sie sich nur nichts darauf ein, Sie Musterknabe, daß die Walküre“ — den Namen hatte er Adelheid gegeben — „heute so gnädig zu Ihnen gewesen ist.“
„Das habe ich gar nicht empfunden.“
„Das ist auch das Beste, was Sie tun können, wenn Sie der Walküre nicht den Hof machen. Sie sollen ihr ja auch nur als Anhetzer für den Herrn Volontär dienen, den sie einfangen und zu einem folgsamen Ehemann zähmen will.“
„Ach, Kolbe, wie können Sie bloß so gehässig von der jungen Dame sprechen“, erwiderte Franz unmutig.
„Das ist gar nicht gehässig, sondern das sind Tatsachen, die der Blinde mit dem Stock fühlen muß. Ich weiß auch noch mehr. Ich habe Sie heute früh gesehen, als Sie der Walküre das Sträußchen ins Fenster warfen. Daß sie es zu Mittag angesteckt hatte, hat Ihnen den Kopf ganz verdreht. Aber bilden Sie sich nur nichts darauf ein. Oder glauben Sie, daß die Walküre, die nach meiner Ansicht beinahe schon aus dem Schneider ist, auf Sie warten wird, um Bauersfrau auf einer Klitsche von dreihundert Morgen zu werden?“
Franz wandte sich achselzuckend ab, aber das Gespräch hatte doch eine tiefgehende Wirkung auf ihn. Er wurde sich darüber klar, daß seine ganze Seele und all sein Sinnen im Banne der schönen Frau lagen. Daß diese Leidenschaft völlig hoffnungslos war, mußte er sich selbst sagen. Sein Selbstbewußtsein hielt aber vor dieser Erkenntnis nicht stand. Er brach haltlos auf dem Sofa zusammen und weinte wie ein kleiner Junge.
Als er gegen Abend ins Herrenhaus ging, wo die beiden Knaben ihn schon mit Sehnsucht erwarteten, hatte er sich mit kühler Überlegung zu dem Entschluß durchgerungen, seine törichte Leidenschaft mit Energie zu bekämpfen. Er stahl sich sofort ins Kinderzimmer und kam erst mit den Knaben zu Tisch. Er saß ruhig am Tisch und hörte still zu, wie Adelheid und Viktor ein angeregtes Gespräch über Musik führten, wovon er nicht das Geringste verstand, denn er war ganz unmusikalisch und hatte so wenig Gehör, daß er nicht das kleinste Lied singen konnte. Gleich nach dem Essen verabschiedete er sich durch eine stumme Verbeugung ....