Die Beendigung der Saatzeit wurde nach einer alten Gewohnheit von dem Gutsherrn durch ein festliches Mahl gefeiert, zu dem nicht nur der Oberinspektor mit seiner Gattin, sondern auch die beiden Kämmerer mit ihren Frauen geladen wurden. Auch für die Gutsleute wurde ein kleines Fest veranstaltet, das in der Hauptsache in einem Tanz, der in dem untersten großen Speicherraum abgehalten wurde, bestand. Einige Zeit vorher erhielt Franz von dem Oberamtmann den Auftrag, einen Bock für das Fest zu schießen ....
„An der Regler-Grenze steht ein strammer Bock mit einem Pfropfenziehergehörn, den möchte ich abschießen“, schlug Franz vor.
„Tun Sie das, mein junger Freund, ich bin einverstanden.“
Am nächsten Abend ging Franz hinaus. Er wußte ziemlich genau, wo der Bock aus dem Walde aufs Feld austrat .... Noch bei gutem Büchsenlicht erschien der Bock und wurde von Franz mit einem sicheren Kugelschuß auf die Decke gelegt. Er ging langsam zu ihm hin, zog seinen Nickfänger und beugte sich über ihn, um ihn zu lüften. Da hörte er jemand mit hastigen Schritten durch das dichte Unterholz brechen. Im näselnden Ton kommandierte eine scharfe Stimme: „Halt! Gewehr weg!“
Ganz verdutzt sah Franz auf. Herr von Sawerski stand mit schußfertigem Gewehr vor ihm. „Wie kommen Sie dazu, den Bock zu schießen?“
Die aufgeregte Art und die Frage kamen Franz so komisch vor, daß er laut lachte. „Sie glauben doch nicht, daß ich wildern gehe?“
„Ich habe allein die Erlaubnis zum Pirschen.“
„Diesmal hat Herr Oberamtmann selbst mir den Auftrag gegeben, gerade diesen Bock zu schießen.“
Ohne sich weiter an Viktor zu kehren, lüftete er den Bock, verstaute ihn in seinem geräumigen Rucksack, warf ihn auf den Rücken und ging davon. Er lieferte das Wild in der Küche ab und meldete dem Gutsherrn, daß er den Bock geschossen hätte. Von der Begegnung mit Viktor sagte er nichts. Aber sie ärgerte ihn noch nachträglich und stimmte ihn nachdenklich. Was hatte der Mann gegen ihn? Weshalb trat er ihm so schroff entgegen? War er etwa auf ihn eifersüchtig? Dazu hatte er doch nicht die geringste Ursache. Dieser Gedanke jedoch bestärkte ihn in seinem Entschluß, seine Neigung so tief und fest in sich zu verschließen, daß niemand sie merken sollte.
Das Werfen der Sträußchen hatte er schon am nächsten Tage eingestellt, und er hatte sich wirklich soweit in der Gewalt, daß er Adelheid artig, aber ohne ein Zeichen von Erregung gegenübertreten konnte. An dem Abend des Saatfestes war die Gutsherrschaft nach dem Abendbrot auf den Speicher gegangen, um dem Tanz zuzuschauen. Frau Olga hatte die jungen Leute aufgefordert, fleißig zu tanzen. Sie hatte dabei mit den Augen nach Adelheid gewinkt. Der Wunsch der Gutsherrin wurde natürlich eifrig befolgt. Erst tanzte Viktor, dann Kolbe mit Adelheid.