Franz war nach dem Tanz ins Freie gegangen. Das Stimmengewirr, der Dunst von Staub und Tabaksrauch, der wie eine Wolke über den Köpfen der Tanzenden hing, waren ihm unerträglich. Es war eine dunkle, weiche Frühlingsnacht ohne Licht von Mond oder Sternen, denn der Himmel war mit schwarzen Wolken verhangen. Aber die Natur schwieg oder schlief nicht. Sie lebte und sprach mit tausend Stimmen. In den Teichen im Park, in den Gräben, die jetzt noch voll Wasser standen, quarrten die Frösche. In den Fliederbüschen, deren Knospen vor dem Aufbrechen standen, sang ein Sprosser. Nicht so weich und flötend wie die Nachtigall des Südens, aber für ein liebendes Herz enthält auch die Stimme des Sprossers genug Liebessehnsucht ....

Es war so still, daß Franz sein Blut in den Adern hämmern hörte. Er vernahm auch das Kichern der Liebespärchen, die sich aus dem Saal gestohlen hatten. Dann wieder tiefe Stille, nur manchmal unterbrochen durch schmelzende, schmatzende Laute. Da wurden heiße Küsse getauscht, mit Glut gegeben und mit Inbrunst empfangen. Auch sein Blut regte sich. Seine Gedanken irrten wild umher. Aber ach, das Ziel seiner Sehnsucht stand so hoch und unerreichbar über ihm. Unwillkürlich kam ihm Goethes Gedicht: „Trost in Tränen“ in den Sinn, und er sprach vor sich hin:

„Ach nein, erwerben kann ich’s nicht,

Es steht mir gar zu fern,

Es weilt so hoch, es blinkt so schön,

Wie droben jener Stern.“

„Die Sterne, die begehrt man nicht“, sprach er leise vor sich hin ....

13. Kapitel

Am nächsten Sonnabend erbat sich Franz Urlaub, um auf einen Tag nach Hause zu fahren. Er hatte nach schwerem Kampf den Entschluß gefaßt, die törichte Leidenschaft aus seinem Herzen zu reißen. Um sich darin zu bestärken, wollte er ein Zusammentreffen mit Adelheid vermeiden. Es schwebte ihm auch dunkel das Bedürfnis vor, seinem alten Freund sein Herz auszuschütten. Seit Weihnachten war er nicht zu Hause gewesen. Damals hatte er mit der fröhlichen Unbekümmertheit der Jugend mit den Eltern und der Schwester, die aus Königsberg nach Hause gekommen war, köstliche Tage verlebt. Auch Lotte war mit ihrer Mutter zum heiligen Abend und den Festtagen eingeladen, und er hatte das zur Jungfrau heranblühende Kind mit großem Wohlgefallen betrachtet und sich an ihrer sonnigen Heiterkeit erfreut.

Jetzt war ihm das Herz schwer, als er den Einspänner bestieg und den alten, schwerfälligen Gaul in Bewegung setzte. Welchen glaubwürdigen Grund sollte und konnte er vorbringen, um seinen Besuch zu erklären? Aber würde es nicht genügen, wenn er sagte, daß er für einen Tag ausspannen und die Eltern wiedersehen wollte? Er trat mit einem Scherzwort bei den Eltern ein, die sich gerade zum Abendbrot hingesetzt hatten, und gab unaufgefordert die Erklärung ab. Die Eltern begrüßten ihn herzlich, aber er entnahm aus ihren forschenden Blicken, daß sie nach einer anderen Erklärung für sein unvermutetes Erscheinen suchten. Der Vater dachte nichts anderes, als daß ihm sein Beruf nicht zusage und er sich die Zustimmung erbitten wolle, ihn aufzugeben. Aus seinem Gesicht schwand die Freude über den Besuch des Sohnes.