Auch die Mutter hatte denselben Gedanken und sich mit dem Vater durch einen Blick verständigt. Aber auch ihr bereitete der Gedanke keine Freude, denn es war nicht anzunehmen, daß er beim Wechsel des Berufes ihren Wunsch erfüllen wollte .... So verlief der Abend ohne rechte Freude für alle Teile. Am nächsten Morgen ging Franz in den Widem, um Onkel Uwis zu begrüßen und dann mit den Eltern in die Kirche. Er setzte sich nach alter Gewohnheit in den Pfarrstuhl. Bald erschien auch Lotte, setzte sich neben ihn und hielt ihm ihr Gesangbuch hin. Und als sie ihm beim Singen mehrmals so treuherzig in die Augen blickte, stieg in ihm ein Gefühl hoch, das ihn seine Leidenschaft für Adelheid als Unrecht, ja, als Sünde, empfinden ließ. Gleich nach dem Mittag ging er zu Onkel Uwis. Er war entschlossen, ihm nichts zu beichten, sondern aus eigener Kraft seine Leidenschaft zu bekämpfen und zu besiegen. Aber als sie im Garten, der im herrlichsten Blütenschmuck prangte, auf und ab wanderten, sah der alte Herr ihn mit tiefem Ernst an, doch voll milder Freundlichkeit, und fragte wie selbstverständlich: „Nun beicht’ mir mal. Wo drückt dich der Schuh?“
Franz wurde rot, das Blut stieg ihm zu Kopf und verschlug ihm die Sprache. Das war der Pfarrer an seinem jungen Freund nicht gewohnt. Er blieb stehen und legte ihm den Arm um die Schultern. „Du mußt etwas sehr Schweres auf dem Herzen haben, daß du dich nicht getraust, es mir zu beichten. Du weißt doch, daß ich dein Freund bin, dein bester Freund.“
In heftiger Bewegung ergriff Franz seine Hand und küßte sie. „Ja, Onkel, deshalb bin ich ja zu dir gekommen. Es fällt mir nur so schwer, es auszusprechen.“
„Das scheint mir ja beinahe auf ein schweres Liebesabenteuer zu deuten.“
Das war das erlösende Wort. „Ja, Onkel, es ist allerdings kein Abenteuer für mich, aber schwer, sehr schwer. Ich werde von einer heftigen Leidenschaft gepeinigt, die ganz hoffnungslos ist.“
„Weshalb denn hoffnungslos? Steht das Mädel so tief unter dir, oder ...“ Er machte eine Pause. „... ist es gar eine Frau?“
„Nein, Onkel, es ist ein Mädchen, aber acht oder neun Jahre älter als ich ... eine Freundin der Frau Oberamtmann. Sie steht turmhoch über mir. Meine Leidenschaft ist ein Wahnsinn, das weiß ich, das sage ich mir selbst täglich hundertmal. Aber meine ganze Seele ist in Aufruhr und ich bin glücklich, wenn ich sie sehen und ein paar Worte mit ihr sprechen kann. Und nachts kann ich vor Verzweiflung und Sehnsucht nicht schlafen. Nur einmal möchte ich sie in meinen Armen halten, nur einmal ihren Mund küssen, dann wollte ich gern sterben.“
Der alte Herr erschrak vor diesem Ausbruch einer hemmungslosen Leidenschaft. Doch er ließ es sich nicht merken. Ganz ruhig fragte er: „Ist die junge Dame schon verlobt?“
„Nein, ich glaube aber, man will sie mit unserem Volontär, einem Oberleutnant von Sawerski, zusammenbringen.“
„Liebt sie ihn?“