Franz war zusammengefahren, als der Onkel platt zu sprechen anfing, aufstand und nach der Pfeife langte, die für alle Fälle gestopft in der Gartenlaube stand. Er setzte sie umständlich in Brand und ging, mächtige Rauchwolken ausstoßend, eine Weile schweigend vor der Laube auf und ab. Dann blieb er vor Franz stehen.

„Es wird wohl das beste sein, wenn dein Vater dich heute hier behält und dich in den nächsten Tagen in eine Heilanstalt bringt, wo du mit reichlich viel kaltem Wasser behandelt wirst.“

Ganz zaghaft fragte Franz: „Onkel, ist das dein Ernst?“

„Mein völliger, völliger Ernst. Du bist wirklich imstande, in deiner Verblendung Unheil anzurichten. Dem muß vorgebeugt werden, wenn du nicht Vernunft annimmst. Ich schäme mich bis in den tiefsten Grund meiner Seele, daß ich dein Lehrer und Erzieher gewesen bin. Willst du deine Eltern und mich aus Gram vorzeitig in die Grube bringen?“

„Onkel, du weißt nicht, was Liebe ist.“

„So? Globst du dat, min Jung? Na, dann huck di man wedder hin, ich war’ di wat vertellen.“

Er ging, mächtig dampfend, eine Weile schweigend auf und ab. Dann begann er: „Ich war schon mehrere Jahre älter als du, als ich nach dem ersten Examen als Hauslehrer auf das Gut ... na, der Name tut nichts zur Sache ... kam. Der Gutsherr, ein kalter, unfreundlicher Mann, hatte vor kurzem zum zweiten Male geheiratet, ein blutjunges, lebenslustiges Mädel, das den Witwer nur genommen hatte, um sich und ihre Mutter von schweren Sorgen zu befreien. Als ich auf das Gut kam, war die junge Frau schon im Stadium stiller Verzweiflung. Der Mann verstand sie nicht .... Ach, daß mir diese abgedroschene Redensart in den Mund kommen mußte! Der Mann war fünfzehn Jahre älter als sie. Das hätte nichts geschadet, wenn nur sein Herz jung geblieben wäre. Aber das war alt und hart geworden. Er gönnte seiner Frau kein Vergnügen, keinen Umgang mit den Nachbarn. Er mäkelte an ihr herum und schalt sie in Gegenwart der Dienstboten aus. Schon nach ein paar Stunden hatte ich den Stand ihrer Ehe durchschaut. Ich war innerlich wund, denn ich hatte noch Stunden, und sie waren nicht selten, in denen ich mit mir rang, die ganze Gottesgelahrtheit von mir zu tun und umzusatteln. Ich hatte das Bedürfnis, mich auszusprechen, und fand bei der jungen Frau teilnahmsvolles Verständnis. Schon nach acht Tagen wußte ich, daß mich eine heftige Leidenschaft ergriffen hatte, daß ich ihr mit Leib und Seele verfallen war. Nach weiteren acht Tagen glaubte ich, zu wissen, daß meine Liebe erwidert würde.“

Franz war aufgesprungen und an ihn herangetreten. „Onkel, lieber Onkel, sag mir alles .... Was tatet ihr da?“

„Ich habe vierzehn Tage der höchsten Qual durchgemacht. Ich war überzeugt, daß die junge Frau mir bei dem leisesten Wort in die Arme fliegen würde. Ich überwand die Versuchung, und mein reines Gewissen gab mir die Kraft, vor den Mann zu treten und von ihm die Freigabe seiner Frau zu fordern. Er lachte mich aus und warf mich aus dem Hause. Vier Wochen später ging die Frau, die er durch die schwersten Beschimpfungen bis aufs Blut gequält hatte, im tollsten Schneesturm abends heimlich aus dem Hause. Erst nach drei Tagen fand man ihre Leiche im Walde.“

In tiefem Mitgefühl schlang Franz seine Arme um ihn. „Onkelchen, wie hast du das überwunden?“