„Wie ich es überwunden habe?“, erwiderte der alte Herr leise. „Ich habe mit Gott und der Welt gehadert, ich habe wochenlang stumpfsinnig bei einem Freunde gesessen, der schon in einer Pfarre war ....“

„Und dann hast du gebetet, nicht wahr? Ich habe auch schon nachts gebetet, Gott möchte mich von dem Übel erlösen.“

„Nein, mein Junge, das habe ich erst viel später getan. Nimm es mir nicht übel, wenn ich es dir sage, obwohl ich Pastor und Seelenhirt bin, gegen solche Leidenschaften hilft das Beten nicht ... Das können dir auch meine Kollegen von der anderen Fakultät bestätigen, die nicht nur beten, sondern auch ihren Leib kasteien, weil sie ihn für ihr sündiges Begehren verantwortlich machen. Das kann nur gegen die Sinne helfen, wenn sie allein an der Leidenschaft beteiligt oder schuld sind. Sobald die Sache dem Menschen in die Seele schlägt, wenn das Herz im edelsten Sinne daran beteiligt ist, dann muß sich Verstand und Vernunft ihm beugen. Dann hilft nur die Zeit, die mächtigste aller Trösterinnen.“

Er sah Franz forschend an. „Nun sag mir mal, aber ganz ehrlich und offen: Ist dein Herz an dieser Leidenschaft beteiligt?“

„Ich ... ich weiß es nicht“, stotterte der Jüngling. „Ich glaube aber nein.“

„Ich glaube, du hast recht, mein Junge. Du kennst die junge Dame zu wenig, um mit dem Herzen daran beteiligt zu sein. Du kennst noch keine Dame aus der großen Welt. Ihre herrliche Erscheinung, ihr Liebreiz, die Anmut ihres Benehmens haben dich bezaubert und verzaubert. Du hast also bloß gegen deine Sinne anzukämpfen. Und da bist du doch Manns genug, dich nicht unterkriegen zu lassen .... Das Leben liegt noch so lang und so schön vor dir. Du wirst, wenn du diese Leidenschaft überwunden hast, ein liebes Mädchen finden, das dir den Himmel auf Erden bereitet .... Halt die Ohren steif und mach uns keine Schande. Und nun geh mit Gott, mein Junge. Grüße Herrn und Frau Oberamtmann von mir. Das sind ein paar prächtige Menschen.“

Zum Kaffee ging Franz noch auf ein Stündchen zu Frau Grigo. Lotte plauderte mit ihm so vertrauensvoll und offenherzig, daß er eine große Freude daran hatte. In froher Stimmung, mit heiterem Gesicht kehrte er zu seinen Eltern zurück. Bald nach dem Abendbrot rüstete er sich zur Rückfahrt. Der Vater begleitete ihn zum Wagen. Erst jetzt fragte er den Sohn, ob er etwa die Landwirtschaft aufgeben wollte und sich darüber beim Onkel Uwis Rat geholt hätte.

„Nein, Vater, die Landwirtschaft gefällt mir je länger um so besser. Nein, ich hatte etwas anderes auf dem Herzen. Wenn du es durchaus wissen willst, frag’ Onkel Uwis und bestell’ ihm von mir, daß er es dir erzählen darf.“

14. Kapitel

Je mehr Walter die Schwester seines Lehrherrn kennenlernte, desto größere Hochachtung ja Bewunderung zwang sie ihm ab. Wie eine Lichtgestalt aus einer besseren Welt erschien sie ihm, der alle Erdenschwere mangelt. Noch nie hatte ein weibliches Wesen ihm soviel Hochachtung abgenötigt, selbst seine eigene Mutter nicht, die sehr oft in Kleinigkeiten aufging und durch ihre Schwäche für den einzigen Sohn, wie er es jetzt selbst fühlte, dazu beigetragen hatte, daß er auf eine abschüssige Bahn geriet. Minna war so schlicht und klar in ihrem Wesen, daß er bis auf den Grund ihrer Seele zu sehen vermeinte. Und er fand dort nichts anderes als lauteres, gediegenes Gold.