Ihre bemerkenswerteste Eigenschaft war die unendliche Herzensgüte. Nie wurde sie launisch oder unfreundlich. Selbst wo sie mal eine Rüge erteilen mußte, klang ein freundlicher Unterton mit, der ihren Worten jedes Verletzende nahm. Denn wie oft wirkt schon ein leichter Tadel durch den Ton, mit dem er erteilt wird, verletzend. Sie war jedoch nicht etwa weich, oder ließ fünf gerade sein. Nein, sie war sehr entschieden in ihrem Auftreten und von einer ruhigen Sicherheit, die jeden Widerspruch erstickt, noch ehe er laut wird. Die Dienstmädchen hingen mit großer Liebe an ihr und erfüllten ihre Pflicht mit Eifer, um ein Lob, oder auch nur einen freundlichen Blick von ihr zu gewinnen.

Walter kam es gar nicht zum Bewußtsein, welch einen Einfluß sie auch auf ihn allmählich gewonnen hatte. Er führte früher einen steten Kampf mit seinen bösen Lüsten und Leidenschaften und hatte sie nur dann besiegt, wenn ihm seine Klugheit es in den einzelnen Fällen geraten erscheinen ließ, sie zurückzudrängen und sich zu beherrschen. Jetzt erschien es ihm selbstverständlich, daß er sich in jeder Beziehung musterhaft aufführte. Wenn er früher mit Getreide auf den Bahnhof fuhr oder in der Stadt Besorgungen zu erledigen hatte, wo er mit Bekannten zusammentraf, hatte er nicht selten einen kleineren oder größeren Affen mit nach Hause gebracht, der sich bis zum nächsten Morgen in einen greulichen Kater verwandelte. Jetzt kehrte er stets völlig nüchtern nach Hause zurück. Der Gedanke, Minna könnte ihm aus solchem Anlaß ihr Mißfallen durch kaltes Benehmen zu erkennen geben, bereitete ihm schon Unbehagen und gab ihm eine Widerstandskraft, die er früher nicht besessen hatte.

Ganz allmählich wurde es ihm klar, daß sie sein ganzes Denken und Fühlen erfüllte, und er begann um sie zu werben. Nicht mit Worten oder Blicken. Das verbot sich ihrer klaren, reinen Art gegenüber von selbst, sondern durch sein Benehmen. Er wollte und mußte vor sich als ein anständiger Kerl dastehen können, wenn er ihr vertrauenswürdig sein sollte.

Auch bei dem Bruder gewann ihr Wesen Einfluß. Er war seinen Leuten gegenüber gerecht und hatte sie sogar besser gestellt, als die meisten Güter der Umgegend. Aber er war rauh in seinem Wesen und polterte oft los, wenn ihm etwas nicht gefiel, und schreckte auch vor drastischen Ausdrücken nicht zurück. Dann brauchte ihn Minna bloß mahnend aus ihren sanften Augen anzusehen. In schwereren Fällen genügte ein sanftes, etwas vorwurfsvolles „Aber Friedrich!“, um ihn zu mäßigen.

Der Gutsherr beobachtete den Verkehr der beiden jungen Leute ganz genau. Es lag doch nicht so fern, anzunehmen, daß sich zwischen zwei so jungen Menschen geistige und seelische Beziehungen anspinnen, wenn sie so lange Zeit völlig aufeinander angewiesen sind. Er konnte aber nichts weiter entdecken, als einen harmlosen, freundschaftlichen Verkehr, wie zwischen zwei guten Kameraden. Daß Walter sich sehr zusammennahm und beherrschte, um seine Gefühle nicht zu verraten, ahnte er nicht. Und Minna verriet ebensowenig ein tieferes Gefühl für den jungen Menschen.

Nach dem Abendbrot setzte sie sich mit einer feinen Handarbeit an den runden Tisch unter der großen Hängelampe. Die geschäftlichen Angelegenheiten und kleinen Fragen, die von der Wirtschaft aufgeworfen wurden, waren bald durchgesprochen. Dann stand Walter auf, setzte sich ans Klavier und spielte ohne Aufforderung. Oft begann Minna, wenn er eine Pause machte, ein Volksliedchen zu singen, das von Walter kunstvoll begleitet wurde.

Eines Tages bereitete Braun, auf Minnas Anregung, seinem Zögling eine große Freude. Er lud Walters Eltern zu einem Besuch für den nächsten Sonntag ein. Sie kamen bei guter Zeit schon am Vormittag. Das Wetter war endlich umgeschlagen und hatte Tauwetter gebracht. Die Märzsonne begann mit ihren Strahlen bereits den Schnee wegzuzehren. Von den Dächern tropfte es. Gegen Abend, sobald die wärmende Kraft des Tagesgestirns nachzulassen begann, verwandelten sich die Tropfen zu langen Eiszapfen, die jeden Morgen abgeschlagen werden mußten, um nicht beim Herabfallen Mensch oder Tier zu verletzen. Von den Kuppen der Berge schwand der Schnee. Auf dem dunklen Acker trippelte die Lerche umher und schwang sich im Sonnenschein zum Himmel empor, um den Frühling, der noch weit im Süden weilte, ein Willkommen zuzurufen.

Mit großer Freude begrüßte Walter die Eltern, deren Besuch ihm ganz überraschend kam. Die Mutter hob er aus dem Schlitten und trug sie auf seinen starken Armen ins Haus. Mit Stolz musterte der Forstmeister seinen Jungen, der ihm frischer und kräftiger geworden zu sein schien. Und er nahm noch vor Mittag Gelegenheit, seinen Lehrherrn zu befragen, wie er mit ihm zufrieden wäre.

Braun erteilte seinem Zögling ein volles Lob. Er sei durchaus zuverlässig, diensteifrig und leiste freiwillig mehr, als er von ihm verlange. Ja, er habe das Gefühl, daß Walter mit seinem Entschluß, Landwirt zu werden, das Richtige getroffen habe. Er führe mit Liebe und Fleiß die ganzen Bücher des Gutes und studiere eifrig landwirtschaftliche Lehrbücher. Der Forstmeister fühlte mit freudigem Stolz, was das Lob aus dem Munde des ernsten Mannes bedeutete.

Minna gab dem ganzen Tag ein freundliches Gepräge. Sie hatte den Mittagstisch mit großem Geschmack gedeckt und ein Essen angerichtet, das vor jeder Zunge mit Ehren bestehen mußte. Nach Tisch geleitete sie die alte Dame in ein von der Sonne durchleuchtetes Zimmer, um sie auf einer Liege zu einem Nickerchen zu betten. Die Männer blieben noch bei einem Glas Rotwein und einer guten Zigarre am Tisch sitzen. Der Forstmeister erzählte, was er aus Grindas Bericht wußte. Danach unterlag es keinem Zweifel, daß die Russen in äußerst bedrohlicher Weise gewaltige Truppenmassen an ihrer Westgrenze zusammenballten. Mit Ingrimm sprach er es aus, daß die Reichsregierung diesen Nachrichten kein Gewicht beizulegen schien. Als wenn es von uns allein abhinge, ob der Friede erhalten werden sollte, oder nicht!