Daran schloß sich ein Rundgang über den Hof und durch die Ställe. Bald nach dem Kaffee wollten die Gäste aufbrechen, aber Minna bat so gewinnend, ihnen auch noch den Abend zu schenken, daß sie sich zum Bleiben bestimmen ließen. Im blauen Zimmer loderte ein helles Kaminfeuer. Zu der in Ostpreußen sehr beliebten Zwischenmahlzeit, die allgemein den komischen Namen „Schweine-Vesper“ führt, gab es ein Glas Grog. Der Forstmeister sah mit Verwunderung, daß sein Sohn das zweite Glas, das Minna ihm anbot, verschmähte.
„Ist mein Junge immer so mäßig?“ fragte er lachend.
„Ich kenne ihn nicht anders“, erwiderte Minna mit freundlichem Lächeln.
Die Mutter beobachtete argwöhnisch den Verkehr der beiden jungen Leute. Sie machte keine Ausnahme von all den Müttern, die einen erwachsenen Sohn besitzen, die sich schon lange, noch bevor es Zeit ist, mit der Auswahl einer zukünftigen Schwiegertochter beschäftigen. Sollte sich zwischen den beiden jungen Menschen noch nichts angesponnen haben? Das Mädel gefiel ihr mehr, als sie sich eingestehen mochte. Und sie fühlte, daß Minna für eine Liebelei kein Verständnis besaß. Desto größer war die Gefahr, daß sich zwischen ihr und Walter eine ernsthafte Neigung anbahnen konnte. Und das müßte ihr doch mißfallen, denn nach allem, was man über Minna wußte, war sie ein ganz armes Mädchen.
Das war in den Augen der alten Dame ein ganz unverzeihlicher Fehler, denn Walter brauchte eine Frau mit Vermögen, wenn er nicht auf einer kleinen Klitsche anfangen sollte. Aber so sehr sie auch mit allen Sinnen beobachtete, sie konnte nichts entdecken, was auf ein geheimes Einverständnis zwischen den beiden jungen Menschen hindeutete. Eher das Gegenteil, denn solch ein harmloser, freundlicher Verkehr ist nur möglich, wenn nicht einem oder beiden die Unbefangenheit durch geheime Wünsche und Gefühle gestört wird.
Sehr befriedigt fuhr das Ehepaar heim. Es war kein Kutscher mitgenommen worden, so daß die beiden Altchen ungestört miteinander sprechen konnten. Der Forstmeister berichtete jetzt erst seiner Gattin ausführlich, welch ein hohes Lob Braun seinem Zögling erteilt hatte. „Das war bis jetzt die größte Freude meines Lebens! Und weißt du, Olsche, wem wir diese Wandlung zu danken haben? Keinem anderen als dem lieben, jungen Mädchen. Mir wurde ordentlich das alte Herz jung, als ich sie so still und geräuschlos und doch so umsichtig und besorglich walten sah.“
„Ich glaube, du siehst in ihr schon unsere zukünftige Schwiegertochter.“
„Na, Olsche, wäre das nicht ein Glück für den Jungen, solch ein liebes Wesen zur Frau zu bekommen?“
„An dem Wesen habe ich nichts auszusetzen.“
„Aber?“