„Sie hat doch nichts; sie wird von ihrem Bruder höchstens etwas Aussteuer bekommen. Aber ich sehe keine Gefahr für unseren Jungen.“
Walter bedankte sich noch, ehe er in sein Zimmer ging, für die Einladung der Eltern. Lächelnd wies Braun auf seine Schwester. „Minna hat den Gedanken angeregt, und ich habe es gern getan.“
Mit stummem Blick reichte Walter dem jungen Mädchen die Hand.
Er ahnte nicht, daß er seinen Vater zum letzten Male gesehen hatte. Acht Tage später erhielt er von der Mutter die Nachricht, daß er ganz plötzlich verstorben wäre. Gesund, ohne jede Beschwerde, hatte er sich abends zu Bett gelegt. Am anderen Morgen stand die Mutter leise auf und schlich sich hinaus, um ihn, der anscheinend noch fest schlief, nicht zu wecken.
Es wurde acht, es wurde neun Uhr. Sie öffnete ein paarmal leise die Tür und schaute ins Zimmer. Er schlief anscheinend immer noch. Schließlich beschlich sie eine böse Ahnung. Sie trat ans Bett und berührte seine Schultern. Und jetzt erst erkannte sie, daß er sanft, ohne seine natürliche Stellung zu ändern, entschlafen war.
Gleich, nachdem die Nachricht eingetroffen war, fuhr Walter nach Hause. Er fand die Mutter fassungslos vor Schmerz. Sie machte sich den Vorwurf, daß sie den Entschlafenen noch am Abend vorher mit ihrer Sehnsucht nach dem Stadtleben geplagt hatte. Walter kam durch die vielen Besorgungen, die er zu erledigen hatte, über den ersten heftigen Schmerz hinweg, und es war ihm eine wehmütige Freude, von der Mutter zu erfahren, daß der Vater sich noch so kurz vor seinem Tode über ihn und das Lob, das Braun ihm gespendet, gefreut habe.
Es war ein großes, stattliches Begräbnis. Sechs Grünröcke, die den Forstmeister als einen gerechten, gütigen Vorgesetzten verehrten, trugen den Sarg. Über das offene Grab knatterten drei Salven. Der Kirchhof lag vorn im Walde, zwischen uralten Kiefern und dazwischen aufstrebenden Eichen, deren Wipfel ihm das Schlummerlied rauschten. Nun schlief er im Walde, den er so geliebt hatte, daß er Beförderungen und Ehrenzeichen ausschlug, um sich nicht von ihm trennen zu müssen.
Einige Tage dauerte noch die Regelung der Geschäftsverhältnisse. Da kein Testament vorhanden war, erbten Frau und Sohn zu gleichen Teilen. Dabei erfuhr Walter, daß der Vater ein ziemlich erhebliches Vermögen hinterlassen hatte. Die Mutter konnte und wollte noch bis zum nächsten Quartal in der Oberförsterei wohnen bleiben. Denn die Regierung hatte einen unverheirateten Forstassessor geschickt, der das Revier bis zur endgültigen Neubesetzung der Stelle verwalten sollte. In der Zeit wollte die Mutter sich für eine Mittelstadt im Reich entscheiden und die Übersiedlung vorbereiten.
Walter litt es nicht lange zu Hause. Die lauten Wehklagen der Mutter störten ihm die eigene, tiefe Trauer um den Vater, für dessen Wert und Bedeutung er erst jetzt die richtige Schätzung gewonnen hatte. Er sehnte sich auch nach Tätigkeit. Das Frühjahr war sehr schnell gekommen. An den Südabhängen sprießten im Walde schon die bescheidenen Leberblümchen. Hier und dort hob auch schon eine Anemone ihr weißes Köpfchen. Noch einmal war Walter tagsüber durch den Wald gewandert, hatte alle seine Lieblingsplätze besucht und mit freudiger Rührung sich eingeprägt, was der Vater in seiner langen, gesegneten Tätigkeit geschaffen hatte.
Am schwersten fiel ihm der Abschied vom Elternhaus. Ach, es war ja nicht mehr sein Elternhaus! Bald würden andere Menschen kommen, Fremde, die es nach ihrem Willen und Geschmack einrichten würden. Einige Geweihe und eine Anzahl der besten Gehörne gab ihm die Mutter zum Andenken mit. Die anderen sollte er erst nach ihrem Tode erhalten.