Als er nach Nonnenhof zurückkam, war aus dem heiteren Jüngling ein ernster Mann geworden. Mit feinem Takt regte Minna ihn abends an, von dem Begräbnis zu erzählen. Er tat es gern und lobte die Liebe und Verehrung, die der Verstorbene sich in seinem Leben erworben hatte. Und dann kam er auf den Vater zu sprechen, der Zeit seines Lebens ein frohmütiger Mann gewesen und als Weidmann und Forstwirt sich einen guten Namen und ein ehrenhaftes Andenken geschaffen habe. Minna hörte still zu, ohne ihn zu unterbrechen. Und doch las Walter in ihren Augen und fühlte, wie von ihr eine mitleidsvolle Teilnahme zu ihm herüberwallte.
Am nächsten Morgen stand er schon vor Tagesgrauen auf und ging an seine Arbeit. Die Saatzeit war angebrochen, und es gab sehr viel zu tun. Walter war den ganzen Tag unermüdlich auf den Beinen und leistete mehr, als selbst ein strenger Lehrherr verlangen konnte, so daß selbst Braun ihm manchmal sagte, er dürfe sich nicht zu viel zumuten. Minna umhegte ihn mit ganz besonderer Sorgfalt. Jetzt fand er täglich auf dem Frühstückstisch ein Glas Wein eingegossen. Als er ihr über ihre Verschwendung, wie er es nannte, freundliche Vorhaltungen machte, erwiderte sie ruhig, das habe Friedrich angeordnet.
Das Frühjahr, das so schnell gekommen war, hielt nicht, was es anfangs versprach. Wochenlang wehte ein sturer Ostwind, der Kälte brachte. Das Getreide, das im feuchten Acker stand, wollte und wollte nicht aufgehen. Und als sich die grünen Blattspitzen hervorwagten, da fanden sie es auf der Erde so ungemütlich, daß sie keine Lust zeigten, freudig emporzuwachsen. Erst Anfang Juni, als die Landwirte schon fast alle Hoffnung auf eine, wenn auch nur mittlere Ernte, aufgegeben hatten, schlug das Wetter um. Ein mäßiger Südwest brachte erst Wärme und dann reichlichen Regen. Mit überraschender Schnelligkeit erholte sich das Getreide. Auch die Wintersaat, die schon gelbe Spitzen zeigte, erholte und bestockte sich. Mit besseren Hoffnungen gingen die Landwirte in den Sommer hinein.
Gleich nach der Heuernte, die ziemlich spärlich ausgefallen war, ging Braun daran, eine alte Mergelgrube, die in seinem besten Weizenschlag lag, zu beseitigen. Sie war wohl uralt, denn sie war mit Steinen ausgefüllt, die man im Laufe der Zeit aus dem Acker ausgepflügt hatte. Es waren Findlingsblöcke darunter, die erst gesprengt werden mußten, ehe man sie wegschaffen konnte. Das war dem Gutsherrn nicht unlieb, denn er gedachte daraus die Fundamente für einen neuen Stall zu gewinnen. Tagelang hörte man im Gutshause das donnernde Krachen, mit dem die Felsblöcke zersprangen. In froher Laune sprach Braun beim Kaffee von seinen Plänen, einen neuen massiven Stall zu bauen und seine Viehhaltung zu vergrößern.
„Walter, Sie können mal nachher hinausgehen und zusehen, ob die Leute noch heute fertig werden.“
Nach einer Weile besann er sich anders. „Aber nein, lassen Sie das, ich werde selbst gehen; Sie haben ja noch auf dem Speicher zu tun.“
Er nahm Mütze und Stock und ging aufs Feld. Als er nicht mehr weit von der Mergelgrube entfernt war, krachte ein Sprengschuß. Er sah die Arbeiter aufstehen und langsam auf die Grube zugehen.
„Na, wie weit seit ihr denn?“ rief er sie an.
„Noch einen Schuß, dann sind wir fertig, er ist schon geladen, aber nicht losgegangen.“
Das Wort war kaum gefallen, als der Schuß verspätet losging. In Schrecken erstarrt standen die Arbeiter. Meist war ja die Ladung so bemessen, daß sie den Block nur in mehrere große Stücke zerriß. Aber es kam doch vor, daß der Stein weniger Widerstand leistete, und Brocken bis zur Kopfgröße weit fortgeschleudert wurden. Und diesmal schien die Ladung viel zu stark gewesen zu sein, denn ein Hagel von scharfkantig zerrissenen Sprengstücken sauste nach allen Seiten durch die Luft. Wie durch ein Wunder entgingen die Arbeiter dem drohenden Verderben. Nur einer sank lautlos um, der Gutsherr. Ein faustgroßer Stein hatte ihn in die Schläfe getroffen.