Sie schüttelte den Kopf und richtete sich auf. „Ich fühle es.“

Mit einer unheimlichen, starren Ruhe stand sie auf und ging hinaus. Er ging ihr nach, denn er befürchtete, daß sie unter dem tränenlosen Schmerz zusammenbrechen könnte. Mechanisch nahm sie ein paar Handtücher aus dem Schrank, holte eine Schüssel Wasser aus der Küche und stellte sie auf die Diele. Jetzt kam der Wagen langsam herangerollt. Vier Männer hoben den Toten herab und trugen ihn ins Haus. Als sie ihn auf die Liege gebettet hatten, warf sich Minna über ihn und barg sein Gesicht an ihre Brust. Und jetzt kamen ihr auch die erlösenden Tränen. Leise schlichen die Männer hinaus. Langsam folgte ihnen Walter. Er hatte seinen Lehrherrn auch lieb gehabt und verehrt. Aber sein tiefstes Mitleid gehörte dem jungen Mädchen, über das so namenloses Unheil hereingebrochen war.

Als der Arzt kam, führte er ihn ins Haus. Gewohnheitsmäßig nahm der alte Herr die Hand des Toten, um den Puls zu fühlen, obwohl der erste Blick ihm schon gesagt hatte, das seine Kunst hier nicht mehr helfen konnte.

In ihrer stillen Art ordnete Minna alles an, was solch ein Todesfall nötig macht. Am Abend saßen die beiden jungen Leute sich wie immer im Wohnzimmer gegenüber. Zaghaft fragte Walter: „Was meinen Sie, Fräulein Minna, was jetzt hier werden soll?“

„Ich habe die Schwester und den Bruder schon benachrichtigt, es sind seine rechten Geschwister. Die werden zum Begräbnis kommen und bestimmen, was geschehen soll. Ich denke, sie werden das Gut verkaufen, und sich die Erbschaft teilen. Ich bin ja nur eine Stiefschwester von Friedrich.“

„Das ist gleich. Sie erben mit. Wollen Sie nicht das Gut übernehmen?“

Sie sah ihn verwundert an. „Aber, Walter, das ist doch nicht Ihr Ernst?“

„Jawohl, es ist mein völliger Ernst.“ Seine Stimme nahm einen weichen Klang an. „Minna, vertrauen Sie mir! Ich bin zwar noch jung und unerfahren als Landwirt, aber ich habe den redlichen guten Willen.“

„Sie wollen für mich wirtschaften?“

„Mit Ihnen,“ rief Walter mit gedämpfter Stimme, „mit Ihnen, Minna. Ich habe soviel von meinem Vater geerbt, daß ich Nonnenhof übernehmen kann. Ich lasse Sie nicht schutzlos allein in die Welt gehen. Minna, werden Sie meine Frau. Sie werden es nicht zu bereuen haben.“