Sie war in einen argen Zwiespalt mit sich geraten. Wie der Zugvogel im Herbst von einem unbezwinglichen Sehnen nach dem Süden getrieben wird, verlangte ihre Seele aus der Stille und Langeweile der ländlichen Einsamkeit heraus in die rauschenden Vergnügungen eines modernen Seebades, in dem sie sonst zu weilen pflegte. Voll Sehnsucht dachte sie an die Segelpartien, an das Tennisspiel, in dem sie eine anerkannte Meisterin war, an das Menschengewühl auf dem Korso, an die Nächte im feenhaft erleuchteten Kursaal, wenn sie am Arm eines flotten Tänzers von dem Rhythmus der Musik beschwingt über das Parkett flog ....
Ihr Herz sehnte sich danach ... und ihr graute, wenn sie daran dachte, daß sie für alle Zukunft auf diese Genüsse verzichten müsse, um ein nüchternes, langweiliges Leben als Gutsfrau zu führen, mit all den Pflichten, die sie zur Genüge kennengelernt hatte. Ja, wenn eine große, heiße Liebe sie mit zwingender Kraft dazu treiben würde, dem Mann ihrer Wahl in dies Leben zu folgen! Doch davon war keine Rede. Die Persönlichkeit Viktors ließ sie völlig kalt, obwohl er doch ein frischer, stattlicher Mann war und wenig älter als sie. Selbst in Gedanken vermochte sie nicht ein wärmeres Gefühl für ihn aufzubringen. Nur vom Verstand geleitet, aus kalter, nüchterner Überlegung heraus, sollte sie ohne Liebe in eine Ehe treten?
Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen, denn alles, was bisher ihrem Leben Inhalt und Form gegeben hatte, sollte sie verlieren, nein, aus freien Stücken hinter sich werfen. Sie zweifelte daran, und wohl mit Recht, ob sie die Kraft dazu aufbringen würde. Ja, vielleicht zu dem ersten Entschluß. Aber wenn sie dann, gebunden durch die Ehefessel, das Leben auf dem Lande nicht mehr ertrug, wenn die Sehnsucht nach der großen Welt in ihr übermächtig wurde, was dann?
Unter dem Zwange dieser Gedanken, die ihre Seele aufwühlten, wurde sie launisch und widerspruchsvoll in ihrem Benehmen. Einen Tag unterhielt sie sich liebenswürdig mit Viktor und ihr ganzes Wesen strahlte eine hinreißende Anmut aus. Am anderen Tage war sie mißgestimmt, sah gleichgültig, ja blasiert aus und machte den Mund nicht auf. Das Ehepaar konnte sich den häufigen und jähen Wechsel ihrer Stimmungen erklären, denn Adelheid hatte in einer schwachen Stunde die Zweifel und Bedenken eingestanden, von denen sie gequält wurde. Einen Rat zu erteilen, lehnte Frau Olga ab. „Du bist alt genug, um über deine Zukunft allein entscheiden zu können. Ich möchte dich nur vor einem leichtfertigen Spiel mit Sawerski warnen. Willst du seine Bewerbung ausschlagen, dann sage es mir, aber bald, damit ich ihm einen Wink geben kann, sich nicht unnütz zu bemühen.“
Die Nebenperson in diesem Spiel, Franz, hatte sich in eine Entsagungsfreudigkeit hineingearbeitet. Die Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft war ihm voll zum Bewußtsein gekommen, und mit großer Energie bemühte er sich, den sehnsüchtigen Gedanken keinen Raum und keinen Einfluß zu geben. Rückfälle blieben jedoch nicht aus, und manche Nacht wälzte er sich schlaflos auf seinem Lager. Und dieser Kampf ging an ihm nicht spurlos vorüber. Er sah elend aus und schlich umher wie ein müder Mann. Am Sonntag ging er zu Mittag ins Herrenhaus. Am Abend blieb er unter einer Entschuldigung in seinem Zimmer. Dann suchte Kolbe ihn auf, der unter Langeweile litt. Auch ihm war eine Schwärmerei für das schöne Fräulein angeflogen, und er sprach in den höchsten Tönen der Bewunderung von der Walküre. Franz hörte schweigend zu, obwohl er am liebsten den Burschen durchgeprügelt und hinausgeworfen hätte.
Eines Abends war Franz dem Geschwätz seines Leidensgefährten entflohen und in den Park gegangen. Ohne Ziel und Zweck wanderte er in den Gängen umher, er wollte nur allein sein. Es war ein wunderbar schöner Abend, der schon in die Nacht überging. Der Vollmond stand groß und klar am wolkenlosen Himmel. Sein Licht floß in breiten Wellen, die wie helle Balken in der Dunkelheit standen, zwischen den Stämmen hindurch. In Gedanken tief versunken schritt Franz weiter. Plötzlich erschrak er und hemmte den Fuß. Da saß auf der niedrigen Rasenbank eine lichte Gestalt. Adelheid. Sie hatte sich zurückgelehnt, ihr Kopf lag an einem Stamm, ihre Augen waren geschlossen ... aber trotzdem fühlte sie die Nähe eines Menschen. Sie schlug die Augen auf. Als sie Franz erkannte, nickte sie ihm freundlich zu. „Ach, Sie sind es, Franz.“
„Ich bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein, ich hatte keine Ahnung, daß Sie hier sind. Ich will, Sie nicht stören ....“
„Sie können ruhig hier bleiben und sich neben mich setzen. Was raubt Ihnen die Ruhe?“
Ehe sie sich’s versah, lag Franz vor ihr auf den Knien, ergriff ihre beiden im Schoß gefalteten Hände und bedeckte sie mit glühenden Küssen. „Ich liebe Sie, ich bete Sie an ... ich kann nicht leben ohne Sie.“
Der Schreck lähmte sie so, daß sie kein Wort hervorbringen konnte. Im nächsten Augenblick saß er neben ihr, schlang den Arm um sie, preßte sie an seine Brust und bedeckte nicht nur ihren Mund, sondern auch ihre Augen mit heißen Küssen. „Nur einmal mich sattrinken an deinem Mund, sonst verdurste ich“, keuchte er in höchster Erregung. Einen Augenblick lag sie willenlos in seinem Arm. Ein Gefühl, das ihren Willen lähmte, durchwogte sie und beschwor eine Erinnerung herauf. Vor vielen Jahren, als sie noch sehr jung war, hatte sie auch einmal in dem Arm eines starken Jünglings gelegen. Es war das höchste Glück ihres Lebens gewesen, aber hatte ihr die größte, bitterste Enttäuschung gebracht.