„Mein lieber, junger Freund, Sie wissen noch nicht, wieviel ein Herz tragen und erdulden kann, ohne zu brechen. Doch nun muß ich gehen. Leben Sie wohl. Nein, Sie dürfen mich nicht begleiten.“
Sie stand auf und reichte ihm die Hand. Als sie in seine todtraurigen und doch so flehentlich bettelnden Augen sah, überkam sie es wie Mitleid mit dieser heißliebenden Jünglingsseele. Und sie beugte sich nieder, um einen Kuß auf seine Stirn zu hauchen. Da sprang er auf, warf seine Arme um sie und küßte sie noch einmal stürmisch und heiß mit allem Ungestüm seiner kraftvollen Jugend ....
Doch schon nach einem kurzen Augenblick gab er sie frei und sank wie vernichtet auf die Bank zurück. Sie floh wie ein gehetztes Reh bis ins Dunkel der Gebüsche. Dort blieb sie atemlos stehen und sah zurück. Sie sah, wie er die Hände vors Gesicht schlug, wie sein Körper von einem unhörbaren Schluchzen erschüttert wurde. Ein tiefes Mitleid quoll in ihr auf, nicht nur mit dem armen Jungen, der da so nahe bei ihr saß, daß sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte, und mit dem tiefsten Leid seines Lebens rang, sondern auch mit sich selbst. War das Schicksal nicht grausam gegen sie? Es schenkte ihr ein reines Herz, das mit einer reinen, heiligen Liebe für sie schlug, und sie durfte es nicht an sich nehmen, sie mußte es zurückweisen und ihm eine tiefe, schwere Wunde schlagen.
Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte stürmisch. Wirre Gedanken jagten durch ihren Kopf. Was hinderte sie, sich dies Herz zu nehmen? Verdiente diese Liebe nicht, belohnt zu werden? Sie fühlte: wenn er jetzt ihren Namen rief und seine Arme sehnsüchtig nach ihr ausstreckte, dann würde sie wie von einer magischen Gewalt gezogen, zu ihm zurückkehren, um sich in seine Arme zu werfen und seine heißen Küsse tausendfach zurückzugeben ....
Sie erschrak vor sich selbst ... sie floh vor sich und ihren Gedanken. Erst nach einer Weile wurde sie ruhiger und mäßigte ihren Schritt. Und blieb stehen und lauschte, ob er ihr nicht folgte. Aber es war nicht Angst, sondern ein heißer Wunsch, der sie zwang, stehen zu bleiben ....
Stundenlang saß Franz auf der Bank. Dumpfe Verzweiflung rang mit der Erinnerung an die kurzen Minuten des höchsten Glücks. Jedes Wort, das sie zu ihm gesprochen, haftete unauslöschlich in seinem Gedächtnis. Erst nach Mitternacht, als der helle Schein am Himmel, der das verschwundene Tagesgestirn über dem Horizont begleitete, über Norden nach Osten zu rücken begann, erhob er sich und schlich, müde, an allen Gliedern wie zerschlagen, in sein Zimmer zurück, wo er sich angekleidet auf die Liege warf.
Die Ankündigung ihrer Abreise rief, wie Adelheid erwartet hatte, großes Erstaunen hervor. Ihrer Freundin erklärte sie kurz, sie habe sich erst jetzt an ein Versprechen erinnert, mit einer befreundeten Familie in Westerland zusammenzutreffen und möchte nicht wortbrüchig werden. Frau Olga gab sich damit zufrieden und fragte nicht. Sie nahm an, daß Adelheid der Bewerbung Sawerskis ein schnelles Ende bereiten wollte. Den richtigen Grund, daß ihre Freundin vor sich selber floh, erriet sie nicht. Und doch war es so. In einer Stimmung, die sich nicht abschütteln ließ, hatte Adelheid die Nacht zugebracht .... Es war kein klarer Gedanke ... sie fühlte nur, wenn sie hier bliebe, dann würde sie Abend für Abend nach der Bank gehen und dort voll Sehnsucht warten .... Und wenn er kam und sie in seine stahlharten Arme nahm, deren Druck sie noch zu fühlen glaubte, dann ... ja dann .... Weiter wagte sie nicht zu denken ....
16. Kapitel
Auf Viktor von Sawerski machte Adelheids plötzliche Abreise einen tiefen Eindruck. Er hatte ein tiefergehendes Interesse für sie gefaßt und sich mit dem Gedanken getragen, sich ernsthaft um sie zu bewerben. An einen Mißerfolg seiner Bewerbung glaubte er nicht. Er bildete sich sogar ein, das gnädige Fräulein würde nach seiner dargebotenen Hand wie nach dem Rettungsanker greifen. Er war doch nach landläufigen Begriffen eine „gute Partie“. Außerdem bildete er sich auf seinen Stand, sein Vermögen und letzten Endes auch auf seine Persönlichkeit nicht wenig ein.
Die verletzte Eitelkeit verführte ihn zu ähnlichen Gedankengängen wie den Fuchs, dem die Trauben zu sauer werden.