Er konnte doch, wenn er nur wollte, ein junges, kristallklares, reines, junges Mädchen mit Vermögen zur Frau bekommen. Ob diese junge Dame in der großen Welt, in der sie lebte, immer ganz „stubenrein“ geblieben war, wie er sich in Gedanken ausdrückte, war doch nicht ganz sicher, und Vermögen hatte sie auch nicht ....

Hans Kolbe hatte sich in den letzten Wochen an ihn herangepürscht, hauptsächlich der guten Zigaretten und Schnäpse wegen, die Viktor freigebig spendierte. Und bei den Gedanken, die ihn plagten, ließ er sich öfter die Gesellschaft des Jungen, der so dummdreist, aber mit einer gewissen Bosheit über alles „klöhnte“, gefallen.

Eines Abends kam Hans auf die vermutliche Ursache von Adelheids plötzlicher Abreise zu sprechen. „Da ist nicht alles in Ordnung“, meinte er mit verschmitzter Miene. „Ich weiß von Minna, dem ersten Stubenmädchen, daß das gnädige Fräulein am Abend vor ihrer Abreise noch spät in den Park gegangen ist.“

„Das ist dummes Getratsch von Dienstboten. Sie dürfen so was nicht nachsprechen, Kolbe. Denn es ist ausgeschlossen, daß Sie die Dame nach irgendeiner Richtung verdächtigen wollen ....“

Hans zuckte die Achseln mit diplomatischer Miene. „Ich weiß nicht, Herr Oberleutnant, weshalb Sie sich gerade für das gnädige Fräulein ins Zeug legen wollen. Sie hat Sie doch in unbegreiflicher Weise ... na, wie soll ich mich gleich ausdrücken ... auf den Pfropfen gesetzt. Einen adligen Herrn, Offizier, reich, verschmäht sie und zieht Ihnen einen dummen, grünen Jungen vor.“

„Was sagen Sie da?“, fuhr Viktor auf. „Kolbe, sehen Sie nach Ihren Worten.“

„Ich meine doch bloß, daß sie beim Saatfest weder Sie noch mich, sondern nur den Franz aufgefordert und mit ihm sechs- oder siebenmal rumgetanzt hat. Daß sie mich nicht aufgefordert hat, das war eigentlich selbstverständlich, daß sie aber auch Sie nicht zum Tanz bei der Damenwahl geholt hat, das fand ich zum mindesten eigentümlich. Mich hat es geärgert.“

Als Viktor schwieg, fuhr er nach einer kleinen Pause mutiger fort: „Und es ist doch ein eigentümliches Zusammentreffen, daß Franz an demselben Abend, wo das Fräulein so lange im Park war, erst nach Mitternacht nach Hause gekommen ist. Ich habe das mit der Uhr in der Hand festgestellt. Und dann habe ich gehört, wie er sich in den Kleidern aufs Bett geworfen, umhergewälzt und gestöhnt hat.“

„Ist das Tatsache, was Sie da erzählen?“, fuhr es Viktor heftig heraus.

„Aber, Herr Oberleutnant, ich werde Ihnen doch nichts vorlügen“, erwiderte Kolbe mit gekränkter Miene. „Ich habe im ersten Augenblick gedacht, daß Franz, der bisher immer ein Tugendbold gewesen ist, irgendwo in ein Kammerfenster gestiegen war. Aber dann hätte er doch nicht so jammervoll gestöhnt .... Und wie ich nachher von Minna hörte, daß das gnädige Fräulein auch so spät im Park gewesen ist, da habe ich mir doch meine Gedanken gemacht.“