„Ach, das ist ja Unsinn. Und Sie tun gut, nicht darüber zu sprechen.“

„Ich habe es ja auch nur dem Herrn Oberleutnant erzählt. Wissen Sie, Herr von Sawerski, was ich meine? Er ist zu ihr frech geworden und ist abgeblitzt. Man weiß ja, daß junge Damen in reiferen Jahren manchmal eine gewisse Vorliebe für so grüne Jungen zeigen.“

„Schämen Sie sich, Kolbe, Sie sprechen von einer Freundin der gnädigen Frau ....“

„Na, meinen Sie, Herr Oberleutnant, daß die gnädige Frau für ihre Freundin die Hand ins Feuer legen wird? Ich habe es ja auch gesagt: ich meine, daß der Franz bei ihr schlecht angelaufen ist, denn im anderen Falle hätte er doch nicht so verzweifelt gestöhnt. Ich höre durch die dünne Wand auch das leiseste Geräusch.“

Viktor stand auf und goß Kolbe und sich ein Glas Kognak ein. „So, nun setzen Sie mal auf Ihre Phantasie noch einen Dämpfer und gehen Sie schlafen. Aber ich bitte mir aus, daß Sie keinem Menschen eine Silbe von Ihren Mutmaßungen verraten.“

Viktor hatten die hämischen Verdächtigungen Kolbes gegen Adelheid heftiger erregt, als er dem jungen Menschen gezeigt hatte. Er ging in seiner Stube auf und ab und quälte sich mit schweren Gedanken. Er hatte schon mit dem Entschluß gerungen, sich von der gnädigen Frau Adelheids Adresse geben zu lassen und ihr schriftlich seine Hand anzutragen. Das würde er ja nun bleiben lassen. Daß Franz, der grüne Junge, wie ihn Kolbe genannt hatte, in Adelheid heftig verliebt war, konnte man getrost als offenes Geheimnis des ganzen Hofes bezeichnen. Aber daß diese feine, junge Dame, die schon jahrelang in den höchsten Kreisen lebte und sozusagen mit allen Hunden gehetzt war, sich mit solch einem grünen Jungen einlassen könnte, erschien ihm undenkbar. Vielleicht hatte sie mit ihm gespielt, weil sie ihn für ungefährlich hielt. Da war er frech geworden, wie Kolbe sich ausgedrückt hatte, und sie hatte ihn abblitzen lassen. Aber schon die Tatsache, daß sie stundenlang mit dem Bengel allein nachts im Park geblieben war, drückte ihm einen Stachel ins Herz.

Er goß sich ein Glas Kognak ein, ein zweites und drittes. Er wollte sich betäuben, um von seinen Gedanken loszukommen Es half nichts. Je mehr er trank, desto heftiger wurde sein Groll gegen Franz. Die Worte aus „Kabale und Liebe“, das er im letzten Winter in Berlin gesehen hatte, fielen ihm ein: „Wenn du genossest, wo ich anbetete“. Er lachte schrill auf. War es denn undenkbar? War es denn bewiesen, daß diese nächtliche Zusammenkunft im Park die erste gewesen war? Dann hatte sie aus Klugheit dem Idyll ein Ende bereitet und war Hals über Kopf abgereist, und der Jüngling hatte im Trennungsschmerz gestöhnt ....

Nach einer schlecht verbrachten Nacht stand er morgens übel gelaunt auf, zog sich an und trat vor die Tür. Franz kam schon aus der Molkerei zurück. Mit gesenktem Kopf, vornüber gebeugt, wie ein müder Greis, kam er angegangen. Über diese Haltung, die so deutlich die Seelenstimmung des jungen Menschen widerspiegelte, geriet Viktor in Wut. Er sah darin den Beweis für alles, was Kolbe ihm erzählt, was er selbst während der Nacht mit Ingrimm und Verzweiflung überdacht und durchgekämpft hatte. Ein heftiges Verlangen, diesen jungen Menschen, der sein glücklicher Rivale war, während er darbte, zu demütigen, auch, wenn’s sein konnte, zu vernichten, stieg in ihm auf. Er rief ihn an:

„Sie, Franz, gehen Sie mal in den Stall und sehen Sie zu, was der Kerl von Reitknecht solange macht. Er soll mir mein Pferd vorführen.“ Er hatte absichtlich in schnarrendem Befehlston gesprochen.

Franz sah ganz verdutzt auf. Eine tiefe Röte stieg in sein Gesicht. Aber er erwiderte mit ruhiger Stimme: „Herr von Sawerski, ich habe keine Befehle von Ihnen zu empfangen.“