Der Oberamtmann gab ihm ein vorzügliches Zeugnis über sein Lehrjahr und wünschte ihm alles Gute für die Zukunft. Mit klopfendem Herzen betrat Franz das Wohnzimmer, um sich von der Herrin des Hauses zu verabschieden. Er wollte sie um Adelheids Adresse bitten. Er mußte sich sehr zusammenreißen, um die Bitte auszusprechen. Frau Olga sah ihn halb belustigt, halb mitleidig an. „Meine Freundin wohnt nicht ständig in Berlin, wie Sie anzunehmen scheinen. Sie kann jetzt in Wiesbaden oder Baden-Baden sein. Ich weiß es jedoch nicht. Und wenn ich es wüßte, würde ich es Ihnen nicht sagen.“
Als sie in sein verstörtes und verzweifeltes Gesicht sah, fuhr sie freundlicher fort: „Franz, ich weiß, wie es um Sie steht. Das sind törichte Hirngespinste. Ihre Leidenschaft ist krankhaft.“
„Und wenn ich doch die Hoffnung hätte, sie zu erringen?“
„Woraus schöpfen Sie denn die Hoffnung? Etwa aus dem Abend im Park? Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Ich würde es sehr bedauern, wenn Adelheid mit Ihnen ein törichtes Spiel getrieben hätte. Das wäre geradezu unverantwortlich von ihr gehandelt .... Und selbst wenn ... ich mag es nicht noch mal wiederholen, dann zeigt doch ihre plötzliche Abreise, daß sie diese unbedeutende Episode in ihrem Leben kurzerhand beendigen wollte .... Ob Sie irgendwelche Schuld tragen, weiß ich nicht. Aber das ist doch nicht zu bestreiten, daß Sie sehr störend in ihr Leben eingegriffen haben. Sie haben eine keimende Neigung zerrissen und es Herrn von Sawerski unmöglich gemacht, sich um Adelheid zu bewerben.“
Gesenkten Hauptes, wie ein reuiger Sünder, hatte Franz Frau Olga zugehört. Aber sie sah, daß ihre Worte auf ihn keinen Eindruck machten. „Ich möchte Sie doch noch einmal warnen, meiner Freundin wieder in den Weg zu treten. Sie würden sich ohne Zweifel eine sehr scharfe Abweisung zuziehen. Ich bedauere Sie, Franz, denn Sie haben sich in dem Jahr musterhaft geführt. Aber ich wundere mich, daß Sie nicht den Verstand und die Kraft aufbringen, sich von dieser hoffnungslosen Leidenschaft zu befreien.“
Zwei Tage später stieg Franz nach einem kurzen Abschied von Vater und Mutter und Onkel Uwis in den Zug und fuhr Tag und Nacht nach Baden-Baden. Es war ihm, als wenn eine innere Stimme ihm sagte, daß er sie dort treffen würde. In einem bescheidenen Hotel in der Nähe des Bahnhofs, das ihm ein Mitreisender empfohlen hatte, nahm er ein Zimmer und ließ sich etwas zu essen geben. Und richtig: er fand in der Kurliste ihren Namen und ihre Wohnung. Sie wohnte im teuersten und feinsten Hotel.
Eine Stunde später ging er vor dem Eingang ruhelos auf und ab. Er war mit dem Entschluß fortgegangen, nach ihr zu fragen und sich bei ihr melden zu lassen. Im letzten Augenblick verlor er den Mut. Es war schon gegen Abend, als eine Gesellschaft von Herren und Damen auf ihn zukam. Mit freudigem Schreck erkannte er unter ihnen Adelheid. Sie sah blendend schön und hochelegant aus. Das Herz schlug ihm bis zum Halse hinauf .... Mit tiefer Verbeugung zog er seinen Hut. Sie schien ihn nicht zu bemerken. Kalt glitt ihr Blick über ihn hinweg, ohne das leiseste Zeichen, daß sie ihn erkannt hatte .... Er hörte einen Herrn mit schnarrender Stimme sagen: „Meine Gnädigste, der Gruß scheint Ihnen gegolten zu haben.“ ... „Sie irren sich, Herr Graf, ich kenne den Jüngling nicht.“
Betäubt, gänzlich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, wanderte er in sein Hotel zurück. Seine verzweifelte Stimmung gab ihm den Rat ein, nach einem Sorgenbrecher zu greifen. Er trank eine Flasche schweren Rotwein und ließ sich noch eine zweite auf sein Zimmer bringen, denn die erste war ohne jede Wirkung wie auf einem heißen Stein verzischt. Die zweite gab ihm die nötige Bettschwere. Er schlief tief und fest. Am Morgen wachte er mit einem wüsten Kopfschmerz auf. Aber ihm unbewußt war in der Nacht ein Trotz in ihm erwacht. Er wollte und mußte sie stellen und zu einer Entscheidung zwingen. Dann begann sein Herz sie zu entschuldigen. Sicherlich war es ungeschickt, ja unpassend gewesen, sich durch einen Gruß an sie heranzudrängen. Es war ihm nicht entgangen, wie seine Kleidung von der Eleganz der sie begleitenden Herren abstach. Eine tiefe Mutlosigkeit überfiel ihn. War es nicht besser, wenn er keinen Besuch mehr machte, sondern einfach abfuhr?
Eine Stunde später war er wieder auf dem Weg nach ihrem Hotel. Unterwegs kaufte er sich ein Kärtchen und schrieb seinen Namen darauf. Entschlossen trat er in die Eingangshalle. Ein betreßter Herr nahm ihm die Karte ab und schickte einen Boy zu Fräulein Bartenwerffer. Der Junge kam nach einer Zeit zurück, die Franz eine Ewigkeit dünkte. „Das gnädige Fräulein bedauern sehr, den Herrn nicht empfangen zu können.“
Er drückte dem Jungen einen Taler in die Hand. „Das gnädige Fräulein ist wohl noch nicht angezogen?“