Zuerst suchte er sich eine Unterkunft und fand sie bei einer Waschfrau, die ihm ein kleines unheizbares Stübchen für einen geringen Preis überließ. Dann klapperte er, mit einem Einführungsschreiben seines Direktors versehen, die Gymnasien ab und hatte das Glück, einen Jungen als Schüler zu bekommen, den seine Eltern aus der Schule nehmen mußten, weil er nach zweijähriger Tätigkeit auf der Quarta nicht versetzt worden war.
Mit unendlicher Geduld und eiserner Strenge brachte er den Jungen, der von der Affenliebe der Mutter verwöhnt, schon alle Genüsse der Großstadt kannte, in einem halben Jahr nach der Untertertia. Dieser Erfolg brachte ihm Empfehlungen und Privatschüler, so daß er ohne Sorgen leben konnte. Mittags aß er in den Akademischen Bierhallen oder bei Aschinger, wo er nie den Donnerstag versäumte, um sich an seinem ostpreußischen Nationalgericht, Königsberger Fleck, zu erlaben. Die anderen Mahlzeiten beschaffte er sich selbst.
Mit tiefer Betrübnis sah der junge Mensch, dessen ganzes Leben auf Arbeit und Pflicht eingestellt war, wie sein Jugendfreund, an dem er mit großer Liebe hing, in dessen Elternhaus er so frohe Stunden verlebt hatte, sich täglich unter Alkohol setzte, bis er in einen leichten Rausch geriet. Dann wurde er aufgeräumt und gesprächig, aber nie sprach er mit Sutor über die Ursache seines geheimen Kummers. Sowie der Rausch verflogen war, geriet er in dumpfes Brüten, bis er wieder, wie er sich ausdrückte, „Öl auf die Lebensflamme gegossen“ hatte.
Sutor stand ihm in diesen Tagen treu zur Seite. Er stellte fest, welches Regiment im Herbst Einjährige einstellte, begleitete ihn in die Kaserne und wartete, bis er sich angemeldet und aufgenommen war.
Der Adjutant besah Franz mit einem verletzenden Blick von oben bis unten. „Sie sehen etwas merkwürdig aus, Herr Rosumek. Sie haben wohl heute schon gut gefrühstückt?“
Als Franz nichts erwiderte, fuhr er fort: „Das werden wir Ihnen bald abgewöhnen. Am 1. Oktober finden Sie sich um acht Uhr auf dem Kasernenhof ein.“
Es war eine große Anzahl junger Leute, die sich an diesem Tage auf dem Kasernenhofe einstellten, wo sie zunächst in einer Reihe nach der Größe geordnet wurden. Franz wurde von dem Adjutanten aus der Reihe genommen und ans Ende gestellt, wo er der zwölften Kompagnie zugeteilt wurde, deren Hauptmann als besonders streng und scharf bekannt und gefürchtet war. Er erschien bald mit dem Feldwebel, der genau so grimmig aussah, wie sein Hauptmann, und fragte seine drei Rekruten nach allem Möglichen aus, nach Stand, Beruf, Alter, Eltern, Vorbildung usw. Franz, der am Abend vorher, trotz allen Abmahnens seines Freundes, wieder stark getrunken hatte, gefiel ihm gar nicht. Und mit Recht, denn er sah verkatert aus. Eine müde Gleichgültigkeit lag über seinem Wesen. Dann führte der Feldwebel seine neuen Kinder auf die Kammer, wo sie ihre Kommißausrüstung erhielten. Der eine seiner Leidensgefährten, ein heller Berliner Junge, namens Winter, der schon über alles Bescheid wußte, nahm Franz unter seine Fittiche und führte ihn in die Handwerkerstube, wo sie sich den Anzug reinigen, die Stiefel und das Koppelzeug putzen ließen .... Dort erhielt Franz auch seinen Putzkameraden zugeteilt. Die Schuster und Schneider grinsten, als der Feldwebel den Namen Demut rief. Ein untersetzter, breitschultriger Kerl rief mit mächtiger Stimme „Hier!“, und sprang heran.
„Wollen Sie dem Einjährigen die Sachen putzen?“
„Jawohl, Herr Feldwebel, det mach’ ick mit Vajnügen.“
Erst später erfuhr Franz, daß er das schlimmste Subjekt der Kompagnie bekommen hatte. Es war ein verbummelter Fleischergeselle und Viehtreiber, der sich der Aushebung entzogen hatte und erst nach vier Jahren von den Behörden aufgegriffen worden war. Zur Strafe mußte er drei Jahre dienen. Er trank sehr stark, und sein ganzes Dichten und Trachten ging nur auf die Beschaffung eines „Leuchtturmes“, eines großen Glases Schnaps, hin. Deshalb erschien er jeden Morgen in der Kantine, um sich durch Ausfegen, Scheuern und Gläserwaschen einen Schnaps zu verdienen. Er war der Schrecken der Kompagnie, aber der Hauptmann sah ihm manches nach, weil er sehr gut schoß, obwohl ihm das Gewehr in den Händen wie ein Lämmerschwanz zitterte. Aber im letzten Moment straffte er seinen Körper und der Schuß saß im Schwarzen.