Und dennoch hatte Franz mit seinem Putzkameraden einen sehr guten Griff getan. So unsauber er selbst war, die Sachen und das Gewehr seines Einjährigen hielt er tadellos sauber. Und an jedem Morgen erschien er eine Stunde vor dem Dienst, weckte ihn oft mit vieler Mühe und half ihm beim Anziehen .... Die Triebfeder seiner Sorglichkeit war die Kognakflasche, die bei Franz immer auf dem Tisch stand. Jetzt brauchte er nicht mehr die Kantine zu fegen. Noch ehe er Franz weckte, verhaftete er einen Großen und dann noch zwei, drei .... Er konnte sich das ohne Scheu erlauben, denn Franz tat dasselbe. Er war auf dem besten Wege, ein Gewohnheitstrinker zu werden. Oder er war es schon, denn die Ursache, die ihn zum Trinken bewogen hatte, seine hoffnungslose Leidenschaft, war nahezu überwunden. Sie saß nur noch wie ein dumpfes Schmerzgefühl in seiner Brust.

Die Ausbildungszeit der Rekruten fiel Franz außerordentlich schwer. Die Halsbinde, der enge, fest geschlossene Rock, die schweren Stiefel, verursachten ihm Unbehagen. Es kam ihm vor, als wenn er in einer Zwangsjacke steckte. Und geradezu lächerlich erschien es ihm, daß er noch wie ein kleiner Junge gehen lernen sollte. Es war merkwürdig, was der Sergeant und der Gefreite immer an ihm zu tadeln hatten. Aber er war wirklich ein schlechter Soldat. Er warf beim Parademarsch die Beine nicht hoch genug, er klappte bei jedem Griff nach, bei jedem Aufmarsch war er der Letzte. Denn er hatte, wie der Oberleutnant, der die Einjährigen ausbildete, sagte, eine zu lange Leitung. Das kam daher, daß jeder Befehl ihn erst aus einem dumpfen, gedankenlosen Brüten aufwecken mußte.

Es war kein Wunder, daß er von seinen Vorgesetzten scharf angefaßt und öfter mit Nachexerzieren bestraft wurde, wobei er ein paar Sandsäcke im Tornister tragen mußte. Daß er stark trank, daß seine Schlappheit nur darauf zurückzuführen war, war in der ganzen Kompagnie bekannt. Sein Kamerad Winter, der ihm Teilnahme entgegenbrachte, machte ihm manchmal Vorstellungen. Er möchte doch das Trinken lassen und sich aufraffen, sonst würde er bald die Männerchen tanzen und die Mäuse laufen sehen.

Franz wies die wohlgemeinte Mahnung schroff ab. Die Folge war, daß er nicht mehr zu den geselligen Zusammenkünften der Einjährigen eingeladen wurde. Nur der treue Sutor verließ ihn nicht, sondern besuchte ihn öfter und suchte ihn vom Trinken abzuhalten. Aber auch er bemühte sich vergebens. Franz ging zwar nicht aus, aber er trank zu Hause und hörte nicht auf, bis er die nötige Bettschwere hatte.

In lichten Momenten wurde er von Scham und Reue gefoltert. Aber diese Anwandlungen führten nicht zur Besserung, sondern noch tiefer in den Sumpf hinein. Nach Hause schrieb er nur in langen Zwischenräumen, wenn er Geld brauchte und nur auf Postkarten. Von Baden-Baden hatte er im Rausch und in einer Anwandlung von Galgenhumor nach Hause telegraphiert: „Endgültig abgeblitzt. Habe mich getröstet. Bitte es auch Onkel sagen.“ Von seinem Leben und Treiben wußten seine Angehörigen nichts. Er hatte ihnen nur kurz die Nummer seines Regiments und seine Wohnung mitgeteilt. Die Eltern und Onkel Uwis machten sich Sorge um ihn, aber wodurch er sich tröstete, ahnten sie nicht.

Eines Abends hatte Demut, dessen Lebensphilosophie allen Ernstes darin gipfelte, soviel Alkohol wie möglich seinem Körper zuzuführen, damit er nach dem Tode nicht von den Würmern gefressen würde, zuviel gegen die Würmer eingenommen und so lange geschlafen, daß er selbst nur knapp zum Dienst zur Zeit kam. Seine Stubengenossen hatten ihn mit Absicht erst im letzten Moment geweckt. Die Folge war, daß auch Franz verschlief und erst gegen Mittag verkatert und mit ungeputztem Koppel in der Kaserne erschien. Er entschuldigte sich mit einem Kopfkrampf, der ihn des Morgens befallen hätte.

Das half ihm nichts. Der Hauptmann steckte ihn auf acht Tage ins Loch. Schon eine Stunde später wanderte er in dem Aufzug eines Sträflings, ohne Koppel, die schirmlose Mütze auf dem Kopf, ein Kommißbrot unter dem Arm, von einem Gefreiten geleitet, für acht Tage ins Kittchen. Es waren Höllenqualen, die er bei Wasser und Brot unter völliger Entbehrung des Alkohols erduldete. Das saure, schwere Brot wollte sein geschwächter Magen nicht annehmen. Abgemagert, elend, eine Jammergestalt, wurde er nach Verbüßung der Strafe in die Kaserne zurückgeführt, wo ihm die Mitteilung wurde, daß er noch für vier Wochen in die Kaserne ziehen müßte. Hätte ihn Demut in dieser Zeit nicht heimlich mit Kognak versorgt, dann wäre er gänzlich zusammengebrochen.

Zum 1. April wurden seine beiden Kameraden zu Gefreiten befördert, traten aus der Front und taten Unteroffizierdienste. Das gab ihm innerlich einen gewaltigen Ruck. Daß ein Einjähriger am Schluß des Jahres nicht zum Unteroffizier befördert wurde, weil seine Vorgesetzten ihn aus manchmal unerfindlichen Gründen, die in dem Beruf seiner Eltern, ja sogar in ihrer politischen Gesinnung lagen, nicht zum Offizier für geeignet hielten, kam öfter vor, aber daß ein gebildeter junger Mann nicht den „höchsten Grad der Gemeinheit“ erreichte, war eine Schande für den Betreffenden. Und Franz fühlte bald, wie sie von allen Seiten auf ihn einströmte. Seine Kameraden zogen sich ganz von ihm zurück, ja, sie erwiderten seinen Gruß nur noch deshalb, um einem Zusammenstoß mit ihm aus dem Wege zu gehen.

Die ärgste Zeit brach über ihn herein, als er zur Strafe für ein dienstliches Vergehen wieder auf vier Wochen in die Kaserne ziehen mußte. Seine Stubengenossen bürdeten ihm die schmutzigste Arbeit auf und behandelten ihn nicht wie ihresgleichen, sondern wie einen tief unter ihnen Stehenden. Sie duzten ihn und stießen ihn beim geringsten Anlaß. Hätte nicht Demut ihn beschützt, dann hätte er sicherlich eines Nachts seine „Reinigung“ bekommen, das heißt, er wäre mit Leibriemen und noch gröberen Instrumenten heftig verprügelt worden.

Auch mit dem Trinken war es vorbei. Denn er hatte jetzt fünfzehn Aufpasser, denen nichts verborgen blieb. Nicht einmal, wenn er sich in der Kantine hatte einen Schnaps geben lassen.