Schon grünlich gefärbt und übelriechend, tragen endlich um Mitternacht sechs adeliche Vasallen, Rudera verschwindender Verhältnisse, den todten Grafen, beim Scheine von hundert Fackeln, im samtbehangenen Sarge zur Familiengruft. Da findet er große Gesellschaft — ob sie sich aufrichten werden, die alten Bekannten, wenn kein irdisches Auge mehr wacht, und den neuen Gast bewillkommnen mit den Geheimnissen des Grabes?

Wer kann antworten, wer hat ergründet, wo das Leben denn eigentlich aufhört, wo der wahre Tod beginnt? Die Nachtseite der Natur ist uns verschlossen, die Tagesseite nicht minder ein Räthsel!

Woher das unbegreifliche Grauen vor den Todten, die kein Glied mehr rühren können, uns zu schaden — woher die nächtlichen Schauer, woher die eisige Furcht vor dem, was einst Leben hatte, und uns wieder erscheint ohne Fleisch und Bein? — Wenn man jung ist, will man alle Furcht besiegen. Ich ließ mir einst die Fallthür aufschließen, die mitten in der Kirche zu unsrer Ahnengruft hinabführt, schickte herzhaft den Küster fort und stieg um Mitternacht allein hinab.

Drei Särge hatte man schon vorher auf meinen Befehl geöffnet, und die Deckel lagen daneben. Es war eine unbeschreibliche Stimmung, in der ich mich befand. Nein, es war nicht Furcht, es war nicht Grausen noch Entsetzen, es war nicht Wehmuth — aber als sey alles dies in mir zu einem unerklärlichen Zustande zusammen gefroren, als sey ich selbst schon ein Todter — so war mir zu Muthe. Mein 86jähriger Großvater war der erste, den ich erblickte. Sein schlohweißes Haar hatte sich in der bleiernen Hülle wieder blond gefärbt. Sein Haupt lag nicht mehr in der alten Richtung auf dem Kissen, sondern hatte sich seitwärts mir zugewandt und seine weiß calcinirten Augen starrten mich an, wie zum Vorwurf, daß ich im jugendlichen Uebermuthe der Todten Ruhe gestört. Wieder auflebend, tröstete ich mich, würde der liebevolle Mann mir doch nicht zürnen. Er war zu milde, selbst zu freidenkend dazu. Ich ging vorüber.

Im andern Sarge streckte sich unter goldgestickten Lumpen ein langes Gerippe hin; es war einst ein mächtiger Mann gewesen: Feldobrist im dreißigjährigen Kriege und Landvogt im Markgrafthum Lusatia. Sein stattliches Bild hängt noch in meinem Ahnensaale, wie er eben, an der Spitze seiner Kürassiere unter Pappenheim auf fliehende Schweden einhaut. Ach! lange ist die laterna magica verlöscht, die jene hübschen Bilder erleuchtete — eine der übrig gebliebenen Glasscherben nur lag vor mir!

Der dritte Sarg enthielt eine Frau, bei ihrem Leben die schöne Ursula genannt. Der kleine Todtenkopf hatte eine dunkelbraune, häßliche Farbe angenommen; der ganze übrige Körper war mit einem langen, wunderbar erhaltenen Mantel von feuerfarbner Seide mit silbernen Fransen bedeckt. Ich wollte ihn aufheben, doch er kam mir selbst zuvor, denn bei der ersten Berührung zerfiel er fast in Staub, und eine Legion Kellerwürmer, Gott weiß wie hier hereingekommen, wimmelten unter meinen Händen auf den zusammengebrochenen Knochen.

Ich setzte mich hin und betrachtete die lange Reihe Särge und die aufgedeckten Todten lange in dumpfer Betäubung; dann fiel ich auf meine Knie und betete, bis das Eis in meiner Brust in schmerzlich süße Thränen zerschmolz. Was von Furcht, Grausen und allen unheimlichen Gefühlen in mir gewesen, es verschwand vor Gott, und stille sanfte Wehmuth blieb allein zurück. Ich küßte ohne Abscheu meines guten alten Großvaters kaltes Haupt, schnitt eine spärliche Locke von seinem ehrwürdigen Scheitel, und hätte er in diesem Augenblick sich empor gehoben und meine Hand gefaßt, ich hätte mich nicht davor entsetzt. — Wundervolle Macht des Gebets! — Wahrlich der Werth der Frömmigkeit besteht nicht darin, daß sie in der Noth durch unser Gebet ein drohendes Unglück abwenden könne, — Millionen Fromme verderben, ohne daß Gott ihr Flehen erhört — sondern darin, daß es uns selbst kräftigt, jeder Noth zu widerstehen und sie zu ertragen, ja in der dadurch herbeigeführten innigern Gemeinschaft mit Gott etwas zu finden, was uns schon an sich selbst über alle irdische Noth siegend hinweg hebt. — Könnte eine so mächtige Wirkung Täuschung seyn? — Wohl wenigstens dann dem Getäuschten!

Doch laß mich fortfahren in der Reihe meiner Begräbnißbilder — die Vergangenheit habe ich ausgebeutet, nun noch einen Blick in die Zukunft! Ich begrabe mich selbst. — Wie aber richte ich dies zeitgemäß wohl am passendsten ein? Die heutige Zeit spiegelt die factische Kräftigkeit der vergangenen in idealer Romantik wieder ab; aber diese Poesie ist stark mit metaphysischen skeptischen Elementen versetzt. Vorrechte z.B. ist ein übel klingendes Wort geworden; von allgemeinen Menschenrechten soll es sich künftig nur handeln. Gleichheit lockt beinahe noch mehr als Freiheit, und schon ist im Wesentlichsten der Unterschied der Stände gefallen.

Also von meinen Vasallen, die bei dem bloßen Namen schon lächeln, lasse ich mich gewiß nicht zu Grabe tragen. Von der alten modrigen Gruft will ich ebenfalls nichts mehr wissen, seit ich sie schon im Leben gesehen; dem Zeitgeist gemäß bin ich auch schon zu gut polizeilich gesinnt worden, um unter der allsonntäglich vereinten Gemeinde verfaulen, und auch mein bescheiden Theil an der Ursache verschiedener Epidemieen auf mich nehmen zu wollen.

Nein — von den guten, rüstigen Wenden, denen ich mein ganzes Leben hindurch das ihrige leidlich erhalten, durch die Arbeit, welche ich ihnen gab, so viel sie deren nur verlangten, von diesen, denen es als ein zehnfacher Arbeitstag gerechnet werden mag, will ich mich hinaustragen lassen auf die Berge, und einsenken an der Stelle, wo meine liebste Aussicht war. Dürfte ich dort in Feuer aufgehen, noch besser, aber ich glaube, die Kirche gestattet es nicht. Sie verbrennt nur Lebende; freilich auch diese schon lange nicht mehr, aber unsere Schuld ist dies, ihre gewiß nicht. Den Schein der Fackeln will ich auch nicht, sondern Sonne, aber Musik darf nicht fehlen; nur keine traurige, lieber moderne Kirchenmusik von Rossini aus Graf Ory z.B., oder, wie ich neulich, nach eben eingeführter neuer Agende, das Jäger-Chor aus dem Freischützen recht brav von der Schuljugend ausführen hörte. — Warum auch Trauer? Gott lebt ja noch, wenn wir auch todt sind, und also ist eigentlich kein Ende, sondern nur ein neuer Anfang — kein Tod, sondern nur eine Geburt zu celebriren.