Ich protestire feierlich, wenn ich ausgestellt werden muß, gegen alle Fratzenkleidung unsrer Zeit, es sey nun eine zusammengeschnürte Uniform, die selbst einen Todten noch incommodiren könnte, oder das Unding eines modernen Fracks nebst Weste und Hosen. Sollte sich gar einer unterstehen, mir einen Orden anzuhängen, so gebe ich ihm im Voraus meinen Fluch dafür, daß er einen Leichnam noch so zu verspotten wagt. Es giebt meines Erachtens nur eine zweckmäßige Art, Leichen zu bekleiden und diese ist: sie mit einem weißen Tuche zu bedecken — wie der Himmel auch sein eingeschlafnes Jahr mit weißer Decke überzieht. Die Liebe mag das geheimnißvolle Tuch noch einmal lüften, die Neugier suche sich etwas Andres aus. — Ja die Liebe! für die ist kein Tod! für die ist auch nichts entstellt, denn sie lebt immerfort im ewigen Reiche der Schönheit. — Wärst du mir beschieden, o beneidenswerthes Loos! daß ein liebendes Herz noch über mir schlüge, wenn das meinige zu schlagen aufgehört, daß eine Thräne der Wehmuth auf mein blasses Antlitz fiele und eine zitternde Hand den letzten frischen Rosenkranz auf mein Haupt drückte — ach! gewiß, ich würde sanfter, süßer davon schlafen! —

Und wieder sind nach meinem Tode hundert Jahre vergangen. Wie wird es nun wohl mit der Liebe stehen, wo die industrielle Zeit in aller ihrer Kraftentwickelung da ist, deren Morgenröthe schon während meines Lebens mit Dampf- und Geld-Regiment so hell hereinbrach — wo die rohe, die classische, die romantische, unsre confuse und wiederkäuende Zeit — alle vorbei sind, und die nützliche allein die Menschen regiert?

Noch einmal berührt mit magischem Stabe mich der Zauberer. Ich erblicke die Fluren wieder, deren Verschönerung ich den besten Theil meines Lebens gewidmet. Was seh’ ich? Schiffbar ist der Fluß geworden, der meinen Park durchströmt; aber Holzhöfe, Bleichen, Tuchbahnen, häßliche, nützliche Dinge, nehmen die Stelle meiner blumigen Wiesen, meiner dunklen Haine ein! Das Schloß — darf ich meinen Augen trauen? — beim Himmel! es ist in eine Spinnanstalt umgeschaffen. „Wo wohnt der Herr?“ ruf’ ich ungeduldig aus. — „In jenem kleinen Hause, das ein Obst- und Gemüsegarten umgiebt“, tönt meines Unsichtbaren Antwort. — „Und gehört meinem Urenkel denn das Alles nicht mehr, was ich einst mein nannte?“ — „O nein, das hat sich mit der Zeit wohl unter hundert verschiedene Besitzer vertheilt. Wie könnte Einer so viel haben und Freiheit und Gleichheit bestehen!“

Ich schreite auf das Häuschen zu, dessen Mauern sich meinem magnetisirten Auge alsobald öffnen, und sehe, wie der Tod schon wieder geschäftig gewesen. Verlassen in dem Winkel einer Kammer liegt der Herr des Hauses, still in seinem Bett. — „Der Vater ist todt!“ höre ich eben den Sohn zu einem Andern sagen; „es ist kein Zweifel mehr, fahrt ihn hinaus.“

Ach lieber Leser, welch ein Begräbniß! Du fragst, wohin es mit der Leiche ging? — Nun natürlich, wo sie am nützlichsten ist: — aufs Feld als Dünger.

Nutzanwendung.

Ja, nicht allein irdische Wirklichkeit, auch ein Reich der Einbildung ist uns nöthig, nicht allein ewiger Fortschrit, sondern auch weise Beschränkung, nicht allein Religion, sondern auch ihre heiligen Gebräuche. Obgleich es, tief in unsrem Innern offenbart, für Jeden schon individuell etwas Höheres giebt, als die äußere Welt gewähren kann, so wird doch nur, wie Jemand schön sagt, „die Kirche, die einst Alle in einem Glauben zusammenfaßt, den allgemeinen Versammlungsplatz auf des Lebensberges Mitte gewähren, zu dem die am Fuße Wohnenden zutrauungsvoll hinauf, und die auf der Spitze Thronenden demuthsvoll hinabwandeln können, zu jeder Zeit, wenn sie Trostes bedürfen aus dem himmlischen Reich.“

Diese Kirche, die wahre und ächte, ihr Mangel ist es, der uns am meisten verwirrt, sie fehlt uns, sie allein sollten wir suchen, um aller Noth, allem Widerspruch ein Ende zu machen.

Ihr aber, meine Freunde, gebt nicht viel darauf, suchet und strebt nur nach Freiheit und Gleichheit, und denkt: Das wird genügen. Ach, suchet lieber Freiheit und Liebe! diese werden Euch weiter führen. Das wilde Streben nach Gleichheit, das nimmer hienieden Befriedigung erreichen kann, weil es Gott nicht gewollt hat — es ist der zweite Apfelbiß, der uns aus dem Rest des Paradieses werfen wird. Manches Gute möget Ihr zwar anfänglich auf dem ersten Wege erreichen. Bald wird es keine Sklaven und keine Zwingherrn mehr geben, keine absoluten Monarchen und kein ihrer Laune unterworfenes Volk, keine übermüthigen Kriegsfürsten und keine zur Schlachtbank geführten Heere, keine von Prunk umgebene Aristokraten und keine mit dem Fuße zurückgestoßnen Bettler, keine grausame Hierarchie und keine verfolgten Ketzer. Also weniger herbes Leid gewiß, aber — vielleicht auch unendlich weniger Genuß! denn wie viele herrliche Lichter werden zugleich mit jenen Schatten entfliehen! Alle Tugenden der Liebe, als: freiwillige Entsagung, Demuth, Opfer, kindlicher Gehorsam, uneigennützige Treue bis in den Tod, Edelmuth, zartes Ehrgefühl — ich fürchte: sie werden alle auf dem harten Boden der Freiheit und Gleichheit allmählich verdorren, um dem strengen Recht allein, dem starren Egoismus Platz zu machen. Es wird dann nicht mehr Liebende und Freunde geben, sondern nur Compagnons, nach Umständen contractlich vereinigt zum Geschäft, oder zur Fortpflanzung des Geschlechts. An die Stelle der elterlichen Autorität wird die staatspolizeiliche treten. Statt der Könige wird man Präsidenten haben, statt der Ritter Bürgersoldaten, statt der Diener Miethlinge, statt unsres Herrn und Gottes endlich — einen constitutionellen Weltregierer in abstracto. Poesie und Kunst, Pracht und Luxus werden gleichmäßig dahinschwinden in der allgemeinen nüchternen Zweckmäßigkeit. Jeder wird das unumgänglich Nöthige haben und keiner mehr den Ueberfluß. Der Ehrgeiz wird allerdings Niemand mehr plagen, da nichts mehr zu beneiden seyn wird, denn kein glänzendes Ziel steht mehr zu erstreben, kein Tempel des Ruhms, keine Höhe zu erklimmen, da, wo die hausbackne Nothdurft allein erreicht werden soll. Mit Einem Wort: keine brennenden Farben werden mehr das Leben umspielen, ein todtes Grau in Grau allein seyd Ihr bestimmt, liebe Nachkommen „in den sausenden Webstuhl der Zeit zu wirken.“ Es bekomme Euch wohl! Gern versinke ich vorher mit meiner lieben alten bunten Welt, wie der Katholik lieber unter dem Helldunkel der schimmernden Juwelenfenster seines geschmückten Domes ruhen will, als in der lichten und scheuerartigen Kirche einer reformirten Gemeinde. —

Es ist dies nur eine Phantasie, lieben Freunde, eine Ansicht, wie jede andre. Ob es die wahre ist? — Ach Gott! was ist wahr? — Alles und Nichts, jedes aber einmal und zu seiner Zeit. Denn Alles erhält seinen Werth ja nur von der Meinung. Heute wird gesteinigt, wer gestern gekrönt wurde. So bedeutete der Lorbeerkranz in Rom den Sieg, in Griechenland demüthiges Bitten, wie ich gestern im Morgenblatte gelesen.