Meiner Ansicht nach sind nicht nur ein großer Theil unsrer Bauern, sondern auch ihre frühern Herren, durch diese Art der Ablösung jetzt der Sclaverei weit näher gerückt, als es die Bauern auf ihrer Seite je vorher waren — denn der Verarmte ist leider überall Sclave, auch inmitten der liberalsten Civilisation, und selbst die leidenschaftlichsten Enthusiasten für die unbeschränkte Freiheit und neuen Eigenthumsrechte der Bauern, deren Gesinnungen ich übrigens hoch ehre und sogar theile, wo die Ausführung nur möglich und zweckmäßig ist, können über ein solches Resultat eben nicht sehr erfreut seyn.

Aehnlich verhält es sich mit den unglücklichen Bewohnern jener andern Länder, die in Folge zu weit getriebener (wenn auch wahrscheinlich nicht eben so theurer) Parcellirung der Ländereien an wirklicher Uebervölkerung leiden, und gewiß befinden diese kleinen Besitzer, welche dort zu Tausenden auswandern müssen, sich ebenfalls in einem weit sclavischern Zustande, als die von mir erwähnten englischen Pächter, oder früher unsre Bauern in ihren alten Verhältnissen.

Man wird mir entgegnen, daß demohngeachtet auch aus dem von mir gepriesenen England vielfältig ausgewandert werde, aber die Lust dazu liegt dort mehr im abentheuerlichen Sinne, der Unruhe und dem Speculationsgeiste jener Nation (der steten Folge so hochgeschraubter Cultur), als in wahrer Noth; denn die meisten englischen Auswanderer nehmen dazu ein größeres Capital mit sich, als, mit sehr wenigen Ausnahmen, bei uns ein Landbauer zu seinem besten Auskommen zu Hause braucht.

Findet man demohngeachtet noch vieles Elend in England, so ist es nicht dem großen Landbesitz Einzelner, sondern vielen andern bekannten Umständen, besonders aber der ungeheuren Last seiner Priesterschaft beizumessen, die an das Land sich mit eisernen Klauen angeklammert hält, und besonders durch den unheilschwangern Zehnten es wie ein Pack Blutegel aussaugt, und zugleich daran Schuld ist, daß eine große Menge gutes Land gar nicht cultivirt wird, und als öde Communweide liegen bleibt.

Daß das Parcellirungssystem ruhigere Staatsbürger schaffe, zeigt die Erfahrung eben so wenig; denn mit großer Bewegung ist doch England weit weniger unruhig und schwankend als Frankreich, das ja eine vollständige Musterkarte darbietet von immer wieder verlassenen Bestrebungen und fortwährenden Umwälzungen, seit seiner ersten Revolution bis auf den heutigen Tag. In England giebt es Reformen, in Frankreich Revolutionen, und was ist an diesen letztern Schuld, als grade der Mangel einer auf großen Grundbesitz basirten, erhaltenden Aristokratie, und die zu ausgedehnte, in Monarchieen wenigstens, gewiß unverständige Parcellirung des Eigenthums, mit dem nothwendig daraus folgenden Ringen nach einer unmöglichen Gleichheit.

Der große zusammenhängende Grundbesitz, die mächtige Aristokratie, hätte den Franzosen allein diejenige Stabilität geben können, deren Mangel sie jetzt vielleicht dem Untergange zuführt, und ihre weisesten Männer haben dies sehr wohl erkannt.[19] Warum sollten wir also uns so sehr beeilen, dasselbe Beispiel nachzuahmen? Es wäre doch wohl der Mühe werth, sich vorher noch einmal zu besinnen. Theorieen sind ein fürchterliches Ding und haben schon manche gute Säule in unsrem Hause eingerissen. Die Neuerer möchten aber ihren Pracht-Neubau lieber mit dem Dache anfangen als mit dem Grunde, worin sie ganz dem türkischen Sultan gleichen, aber keinesweges dem klügeren Mehemed Aly, der, wie jeder vernünftige Reformator, es sey schnell oder langsam, doch immer nur höchst behutsam und reiflich überlegend das Alte entfernt, vor allem aber stets nur den Grad der Cultur überhaupt bezweckt, der wirklich erreichbar, dem Zustande des Landes und der Zeit angemessen ist. Minutolis und Prokesch Reisen in Aegypten sind hierüber sehr belehrend, und der für so barbarisch von Vielen geachtete Pascha möchte, beim Lichte betrachtet, sich aufs Regieren weit besser verstehen, als gar viele unsrer freisinnigsten und allzeit fertigen Gesetzgeber.


In einem andern Blatte macht sich ein zweiter deutscher Schriftsteller der Nützlichkeitsschule sehr lustig über des Franzosen Villeneuve „Privat-Hypothese“ — wie er sie nennt: daß die Ruinen antiker Denkmäler eine der schönsten Zierden seyen, deren sich ein Land rühmen könne. „Uns“ fährt er dann fort, „dünkt im Gegentheile, neue Gebäude, Canäle, Landstraßen, seyen rühmlicher, als Ruinen, Verfallene Aquaducte und Schlösser und neue Auszeichnung besser als alter Adel.“

Diese Bemerkung scheint mir in vieler Hinsicht charakteristisch. Wir sehen in den Franzosen das Wiedererwachen poetischer, romantischer Gefühle, gleichsam als Trost gegen die unerfreuliche, ihn umgebende Gegenwart, im Deutschen aber die Vollendung hausbackener Tagesprosa, die nicht einmal dulden will, daß man Ruinen schön finde! Ja wohl, du ehrlicher Philister! von Ruinen, von Denkmälern vergangener Jahrhunderte wird Niemand satt, und ein Bäckerladen ist einem hungrigen Magen ohne Zweifel zuträglicher. Es giebt aber Menschen, die auch etwas Nahrung für Gemüth und Phantasie gebrauchen, und solchen wird es auch allein begreiflich werden: warum selbst alter Adel wirklich dem neuen noch vorzuziehen sey, obgleich ich zugebe, daß, wie einer und der andere bei uns beschaffen ist, beide leider nicht viel taugen.

Ein patriotischer Gedanke.