Der Zustand eines Staates, den man Uebervölkerung nennt, tritt nicht bloß da ein, wo wörtlich das Land nicht mehr zureicht, um die Menschen zu ernähren, sondern schon da, wo eine weit fortgeschrittene Civilisation dem moralischen Drange nach Thätigkeit und Verbesserung eine so allgemeine Verbreitung gegeben hat, daß Viele das Bedürfniß zu Hause nicht mehr bestreiten zu können glauben. So leidet Großbrittannien schon im hohen Grade an Uebervölkerung, obgleich vielleicht ein Drittheil des Landes noch ohne Cultur daliegt, oder nur zum Vergnügen dienend, doch keinen Ertrag gewährt. Zu einem solchen Zustande sind Colonieen als Ableitung der unruhigen Geister einem Staate fast nothwendig, und mehr oder weniger entfernte, fortwährende Kriege gegen minder cultivirte Völker nützlich.
Ein Staat, der sich diese Abflüsse bei Uebervölkerung nicht verschaffen kann oder will, wird durch unausbleibliche innere Unruhen zuletzt das Opfer davon seyn.
Es könnte scheinen, man wolle hier wieder den nichtswürdigen Grundsätzen vergangener Jahrhunderte das Wort reden, die als Norm aufstellten: daß die politische Moral eine ganz andere, als die des Einzelnen seyn müsse. Dem ist aber nicht so. Dieselben Grundsätze des Rechts und der Gerechtigkeit gelten gewiß für den einzelnen Menschen, wie für die ganze Menschheit, aber auch die Moral kann, eben so gut von Seiten der Großmuth als des Egoismus, übertrieben werden, und hier kommen wir allerdings auf einen gewissen Unterschied. Nämlich der Einzelne kann mehr als recht, er kann edel handeln, indem er sich Andern aufopfert. Ein Staat aber darf dies nie, weil er, als Vertreter einer Masse, dann statt edel nur unbefugt und ungerecht handeln würde.
Nun wird es wohl Niemand bestreiten wollen, daß jeder einzelne Mensch das unbedingte Recht der Selbsterhaltung habe. Wenn z.B. Jemand im Ersaufen begriffen ist, so hat er das Recht, jeden neben ihm Schwimmenden zu ergreifen, auf die Gefahr, diesen mit ersaufen zu machen, um sich dadurch wo möglich selbst zu retten. Eben so hat der, welcher sonst verhungern müßte, das natürliche Recht, ein Brod zu nehmen, wo er es erlangen kann, und man hat sogar den Dachdecker nicht getadelt, der, als sein Vordermann, vom Schwindel befangen, schwankt, in der sichern Voraussicht, daß der Fallende ihn und die Nachfolgenden mit herabreissen müsse, selbst den nicht mehr zu Rettenden ergreift und seitwärts in den Abgrund schleudert.
Ich halte es daher auch dem Staate erlaubt, und für sein Recht, wenn er in seinem Innern den Keim eines durch gewöhnliche Mittel nicht anwendbaren Verderbens emporschießen sieht, einen Abfluß desselben dahin zu leiten, wo dieser überdem nach kurzem Uebergange nur belebend und nützlich wirken wird — denn jede Eroberung durch eine civilisirte Macht wird der Besiegten zum späteren Vortheil gereichen. So würde es eine Wohlthat für Asien seyn, durch Rußland erobert zu werden, und für Rußland dagegen ist es ein Glück, diese Ableitung innerer Gefahren immer zur Hand zu haben. Ohne den Türkenkrieg hätten die Unruhen in Rußland höchst wahrscheinlich einen sehr bedeutenden Charakter angenommen und die Theilnahme der polnischen Armee an diesem Türkenkriege, oder zur Befreiung Griechenlands verwendet, würde eben so wahrscheinlicherweise die Insurrection in Polen verhindert haben.
Aber auch Preußen naht sich schon dem Zustande der Uebervölkerung in diesem Sinne, so wie ihn Frankreich und Süddeutschland längst erreicht haben, und er ist vielleicht eine Hauptursache des unruhigen Treibens jener Länder, da Frankreich im Verhältniß seiner Größe viel zu wenig Abfluß nach außen, Süddeutschland aber außer seinen Auswanderungen aufs Gerathewohl, gar keinen besitzt. Man hat dort in Constitutionstheorieen und repräsentativen Verfassungen die Hülfe gesucht, ohne sie sonderlich zu finden; denn die Form allein, sey sie auch die beste, thut es noch nicht. Nur wo die Menschen selbst zum Gefühl ihrer Würde gekommen sind, dürfen sie auf wahre Freiheit hoffen. Bis dahin ist sie bei jeder Art von Verfassung unmöglich, dann aber tritt sie ein trotz jeder Verfassung.
Doch diese schon einmal berührten Betrachtungen würden mich viel weiter führen, als ich hier zu gehen gedenke; ich komme auf unser Land zurück.
Preußen, sagte ich, naht sich auch dem Zustande, wo dem Drange nach Thätigkeit der Spielraum bald zu eng werden wird. Sein Handel, seine Fabriken steigen täglich; — Dank der moralischen Freiheit, die wir im Allgemeinen mehr als andre Völker genießen und die, ohngeachtet der absoluten Form unserer Verfassung eben aus einer mehr als anderswo fortgeschrittenen allgemeinen Intelligenz entspringt, eine Intelligenz, die beim Herrscher auf dem Throne anfängt und sich bis auf die letzte Klasse herab erstreckt.
Es fehlt also, meines Bedünkens, Preußen zu immer steigender Macht und Glück nichts, als ein Abfluß seiner Kräfte nach entfernten Gegenden, da eine (vielleicht noch mehr zu wünschende) Ausdehnung derselben in der Nähe vor der Hand noch nicht erwartet werden darf, obgleich auch sie mit der Zeit ohnfehlbar statt finden wird; — denn das allgemeine Streben der Civilisation nach großen Staatenmassen ist zu unverkennbar.