Warum sollte nun, frage ich, Preußen ganz davon ausgeschlossen seyn, sich eine Seemacht, wenn auch im mindern Grade, zu bilden, d.h. nicht so bedeutend, um Seekriege mit europäischen Seemächten zu führen, aber doch hinlänglich, um sich Colonieen zu erobern, die in kurzer Zeit sich selbst zu erhalten fähig seyn würden und die dazu dienen müßten, dem preußischen Handel feste Anhaltspunkte in andern Welttheilen zu sichern.
Man behauptet oft: 20,000 Engländer seyen hinlänglich, ganz China zu erobern. Ohne an ein so abentheuerliches Unternehmen zu denken, so ist es doch die Frage: ob nicht z.B. der Besitz einiger Inseln in den chinesischen Meeren einen umfassendern Handel mit China, wie mit andern asiatischen Reichen begründen und beschützen könnte, der dem Mutterlande einen großen Zufluß von Reichthum gewähren würde. Warum soll den Engländern allein immer jeder Vortheil dieser Art zufallen, warum sollten sie das Recht haben, ihn sich bei allen passenden Gelegenheiten zu gestatten und jedem Andern zu verwehren? Ja die in der Welt so gewaltig gewordene öffentliche Meinung hat die englische Macht in dieser Hinsicht schon beschränkt, und wir sehen, daß sie die Franzosen an der Eroberung von Algier nicht gehindert hat, welche sie, nur vor wenigen Jahren noch, ganz sicher nicht geduldet haben würde.[20]
In einem solchen Besitz wäre auch ein preußisches Botanybay zu gründen, um die Todesstrafe aufheben und unsere Verbrecher wieder zu nützlichen Bürgern und zu Vätern eines neuen Volkes erheben zu können. Vielleicht könnten wir bei dieser Gelegenheit auch die Hälfte unsrer Advocaten los werden und allen übrigen unruhigen Köpfen zugleich ein Asyl dort anweisen. Ja, ich selbst ginge gern als Volontaire mit, und, wie mein Verwandter „Latour d’Auvergne“ erster Grenadier von Frankreich wurde, würde ich mich bemühen, in jenen fernen Landen als „erster preußischer Todtenkopf“ aufzutreten. Wahrhaftig, ich rathe der Seehandlung, die Sache in ernstliche Ueberlegung zu nehmen. Sie kann dadurch noch eine Art von ostindischer Compagnie im Kleinen werden, und sich in China mehr Ruhm erwerben, als ihr der Handel mit Thee und chinesischen Curiosis bis jetzt Geld eingebracht hat.
Wir haben vorher von Sclaverei gesprochen, und gewiß: das lachendste Wort in unsrer Zeit ist Freiheit, das finsterste Sclaverei. Und dennoch könnte man sagen: daß das Schreckliche der letztern eigentlich nur in unsrer eigenen Unvollkommenheit und Schlechtigkeit liege. Der Zustand der Sclaverei an sich — ich meine die unumschränkte Macht einer Klasse über die andere — ist in so weit noch grade kein Uebel zu nennen, eben so wenig, als es unsere ganze Existenz überhaupt ist, denn — sind wir nicht sämmtlich die allervollkommensten Sclaven einer höhern, unbekannten Macht, und bleibt dem Menschen, wie dem Sclaven, bei den furchtbaren Martern, denen beide oft unterliegen müssen, ein andrer Trost, als der der eignen Gesinnung? dieser kann zweierlei Art seyn: entweder fließt er aus der frommen Ueberzeugung, daß, es gehe uns, wie es wolle, ein liebender Gott, ein vollkommnes Wesen alle Dinge leitet und sein weiser Rathschluß, wenn er gleich unsern trüben Augen unerforschlich bleibt, doch immer nur ein Gutes und Nothwendiges bezwecken müsse — oder er entsteht aus dem eignen beruhigenden Bewußtseyn; nach bester Ueberzeugung gut und recht, d.h. im Gleichgewicht mit sich selbst gehandelt zu haben, und dann mag die ganze Hölle toben, der Starke und Gerechte steht fest wie der Fels im Meere.
Man nehme nun an, daß die Herren der Sclaven auch nur edle und gerechte Wesen, diese aber sehr mangelhafte wären, oder, was beinahe dieselbe Wirkung hervorbringt, daß sich die Sclaven dies nur einbildeten, (wie z.B. listigen Betrügern oft von einem fanatisch blinden Volke die Macht jeder Bedrückung und Grausamkeit mit Liebe eingeräumt und belohnt wird,) so würde der Zustand der Sclaverei nichts Schlimmeres haben, als der: Mensch zu seyn. Ja, in dunkeln, rohen und ungebildeten Zeiten war er deßhalb eben wohl gar nothwendig.
Dies Alles ist freilich sehr einfach, es scheint aber doch, daß wir erst ziemlich spät dahinter gekommen sind, daß die moralische Kraft unsres Geistes, auf sich selbst und eigne Beherrschung angewandt, leider ein zu elendes und gebrechliches Ding ist, um das die Menschen nicht jede zu große Gewalt, die man ihnen gestattet, sogleich mißbrauchen sollten, und in Folge dessen daher endlich einzusehen, daß keine politische Verfassung sie ihnen je gestatten dürfe.
Wer die Länder selbst bereiste, wo der Weiße fast noch unumschränkt über seine schwarzen Sclaven gebietet, wer dort täglicher Zeuge war, wie man die neu angekommenen Europäer ihres Mitleids wegen verspottet, und ihnen lachend zuruft: „Ihr werdet bald anders denken lernen!“ — der erstaunt darüber, wie schnell das Herz des Menschen, trotz Religion und Bildung, dem Erbarmen und aller Nächstenliebe versteinern kann, wenn Gewohnheit und gesetzlich erlaubte Zügellosigkeit den Leidenschaften freien Spielraum gewähren. Es ist eine sehr traurige Wahrheit, aber sie ist nicht zu leugnen: der Mensch ist dem Tiger weit näher verwandt, als dem Lamme. Eine Lust am Zerstören liegt in seiner innersten Natur, und hat er Blut einmal gekostet, so verlangt er noch mehr. Im civilisirten Europa, sollte man fast glauben, befriedigte dies Bedürfniß die Jagd und von Zeit zu Zeit der Krieg — auf den Inseln aber die Sclaverei — ein empörender Gedanke! Bei alle dem zweifle ich, ob wir, durch die Art, wie wir angefangen haben, dem Sclavenhandel entgegen zu arbeiten, den Negern wirklich eine große Wohlthat erzeigen. Denn, wenn es feststeht:
1) daß diese Neger in ihrem jetzigen Zustande wirklich für eine intellectuell untergeordnete Menschenklasse zu halten sind, was kaum zu bestreiten seyn möchte,
2) daß bei ihnen selbst die Sclaverei gleichfalls herrscht, und sie zum Theil dort als Sclaven noch ungleich mehr leiden, als bei uns, so möchte wohl für das Wohl und die fortschreitende Civilisation dieser armen Raçe es weit zuträglicher seyn, den Ankauf und die Ausfuhr der Sclaven in Afrika nicht zu verhindern, dagegen aber