IV.
Scenen
und Erinnerungen
aus meinen Tagebüchern.

Vom Congreß zu Aachen.

September 1818.

Die liebenswürdige Mad. Gai und ihre schönen Töchter Delphine, Frankreichs Muse, und Isaure, damals das treueste Abbild eines ächt französischen Mädchens, ausgestattet mit aller Grazie und petillirenden Lebhaftigkeit ihrer Nation — werden sich vielleicht noch einen Tag ins Gedächtniß zurückrufen können, wo wir mit mehrern andern Damen, ich weiß nicht mehr welche Ruine zu besehen, einen langen Spaziergang machten. Das Wetter war herrlich, ein crystallner Herbsttag, ganz von jener vollkommnen und dennoch etwas melancholischen Klarheit, die nur dieser Jahreszeit eigen ist, und der geistigen verglichen werden könnte, die bei uns im reiferen Alter eintritt. Die Erinnerung spiegelt sich darin ab, ohne freudige Erwartung, aber nicht ohne eine süße unbestimmte Sehnsucht. Anders ist es im Frühling, und in der Jugend, wo aus dem blauen Himmel und der grünen Erde die Hoffnung auf tausend Neues, Nahes, Erfreuliches uns blühend entgegentritt, und die Vergangenheit uns noch wenig beschäftigt.

Wir waren demohngeachtet diesmal in der heitersten Laune, die noch dadurch vermehrt wurde, daß wir uns auf dem Rückweg total verirrten und nun querfeldein wandern mußten, wobei denn die Damen allerlei Scherz trieben und sich unter andern auch im Ueberspringen verschiedner Feldgräbchen zu übertreffen suchten. Eine Freundin der Mad. Gai, Mad. Gail, eine Frau von großem Talent und sehr originellem Wesen, trug in diesen gymnastischen Uebungen den Sieg über alle davon, worüber die erstere in komischen Zorn ausbrach. „Consolez vous, Madame,“ sagte ich, „elle a un l (une aile) de plus que vaus.“ „Ah l’horreur!“ rief Mad. Gai aus, „on me prend mon calembourg.“

„Je vous jure, que je n’y connaissais pas vos droits“ versicherte ich, „mais les beaux esprits rencontrent....“ und in demselben Augenblicke stolpere ich über einen Stein und falle ziemlich plump meiner liebenswürdigen Antagonistin in die Arme. „Mais Monsieur, ce n’est pas ainsi au moins, que le beaux esprits se rencontrent.....“ „Madame, mille pardons,“ stotterte ich ganz beschämt, „c’est pourtant la loi de l’attraction seule qui m’a ainsi entrainée, et vous vous êtes malheureusement trop bien appercue — qui je n’y ai pas cedé legérement.“

„Allons,“ erwiederte Mad. Gai lachend, „pour un Allemand vous ne vous tirez pas trop mal d’affaire;“ und da wir unterdeß unsere Wagen erreicht hatten, wo sich die Gesellschaft trennte, hob ich die genannten Damen in meine barutch, setzte mich auf den Bock und fuhr sie mit vier stattlichen Engländern ganz stolz zur Stadt zurück.

Wir stiegen bei Mademoiselle Lenormand ab, um uns wahrsagen zu lassen, und trafen daselbst noch einige Bekannte an. Die berühmte Pythia war ein häßliches altes Weib mit ziemlich gemeinen Manieren, schmutzigen Händen und noch schmutzigern großen Karten darin. Ich erinnere mich von der ganzen Exhibition nur noch soviel, daß sie einem jungen Russen sagte: qu’il serait pendu; worauf dieser sehr kaltblütig antwortete: „au cou d’une jolie femme, j’espère.[24]“ Mir prophezeihte sie, daß ich in einiger Zeit in den Orient kommen, dort durch irgend eine Begebenheit eine große Celebrität erlangen, aber auch in einem von Wasser rings umgebenen Orte daselbst sterben würde.