Oktober.
Eine Dame, bekannt durch ihre geistreichen Verse, sehr gesellig, eben so tief denkend als lebhaft, eben so gelehrt als liebenswürdig, gab heute ein Fest, das die Souveraine mit ihrer Gegenwart beehrten.
Mein Patriotismus erfreute sich an unsrem König. Er sah so schlicht und einfach, und dennoch wie der Herr aus. Nach ihm fiel mir der Fürst Metternich auf, dessen Eigenthümlichkeit mich immer und von jeher, selbst als ich, noch sehr jung, ihn in Dresden seine große Laufbahn als dortigen Gesandten beginnen sah, immer anzog, besonders aber dann am meisten frappirte, wenn ich ihn in Gesellschaft Höherer, als er selbst ist, beobachtete. Es ist unmöglich, sich dann nicht zu sagen, daß ein Mann wie er zum Dirigiren geboren sey, wo er auch stehe. Und wahrlich, er versteht es wie Wenige. Dieser ist kein Ideologe, aber Deutschland hat ihm mehr zu verdanken, als es annoch vielleicht einsieht. Weit höher als Kaunitz wird ihm die Geschichte einst seine Stelle neben einem Richelieu, Cecil, und andern wahrhaft großen, ihre Zeit fördernden, wenn gleich zuweilen im Antagonismus mit ihr erscheinenden Ministern nicht versagen können.
Es ist gewiß die größte Thorheit, von einem solchen Manne zu verlangen, sich nach allgemeinen Theorieen zu bequemen.
Der Fürst Metternich, in Frankreich, in England, in Preußen würde überall ein ganz Anderer scheinen, in Hinsicht auf sein äußeres Wirken, und doch immer er selbst bleiben, d.h. mit kurzen Worten: ein seine Stellung verstehender Mann.
So ist er auch jetzt in Oestreich nur das, was er dort seyn kann und muß — aber eben deßhalb mögen sich Andere wahren, wenn einmal Oestreichs Interesse mit dem ihrigen in Collision kommen sollte.
Uebrigens weiß der Fürst Metternich ebensowohl der Eitelkeit zu schmeicheln, als die Arroganz zu demüthigen, oder ihr zuvorzukommen. Hierüber theilte mir heute früh ein Freund folgende kleine charakteristische Scene mit.
„Bei der Art von Cour, die der Fürst Abends hält, sagte er, ließ er gestern zwei vornehme Russen von Einfluß, und aus der nächsten Suite des Kaisers, über eine Stunde lang antichambriren, obgleich wir Alle recht gut den immer mit Absicht handelnden Fürsten in seinem Kabinet, dessen Thüren halb offen standen, sehen konnten, wie er mit Kunstgegenständen beschäftigt, darin gemächlich auf- und abgieng, und sogar zuweilen auf den Boden niederkniete, um selbst Gemälde aufzurollen, während ein daneben stehender Künstler ihm dies und jenes dabei zu erklären schien. Schon hatten die Russen viele Zeichen beleidigter Ungeduld gegeben, da trat der kleine Graf M. herein, sah sich flüchtig im Saale um und wollte eben wieder umkehren, als einer der russischen Generale ihn zurückhielt, und nicht ohne sichtliche Empfindlichkeit bat, doch den Fürsten auf ihre Gegenwart aufmerksam zu machen. Der Graf ging, und es dauerte abermals eine fast eben so lange Zeit, ohne daß die Scene im Cabinet sich irgend merklich geändert hätte. Endlich erschien er wieder, und mit jener übertriebenen Höflichkeit, die man höhnisch nennen könnte, erschöpfte er sich in Entschuldigungen, daß der Fürst untröstlich sey, durch die wichtigsten Geschäfte heute abgehalten zu werden, die Ehre des Besuches der Herren annehmen zu können. Mit Sturmschritten eilten nun, nach wenigen bittersüßen Phrasen, die nordischen Krieger entrüstet davon, und ich ihnen nach, da ich nur, um den Ausgang des interessanten Vorfalls abzuwarten, so lange geblieben war. Ich mag es nicht leugnen, mein deutsches Herz fühlte eine kleine Schadenfreude darüber, denn, dachte ich bei mir, hätten wir einen deutschen Kaiser, sein erster Minister brauchte wahrlich nicht...... doch warum soll ich weiter sagen was ich dachte. Gedanken sind zollfrei, aber sie dürfen noch nicht die Grenze passiren.“
Der Herzog von Richelieu fiel ebenfalls durch die Würde und Eleganz seiner Manieren, und überdem noch durch ein aschgraues Gesicht auf, dem alles Blut aus den Wangen gewichen zu seyn schien, ein Aussehn, was für den damaligen Premier-Minister Frankreichs recht gut paßte. Man mußte übrigens oft unwillkürlich an des Herrn von Talleyrand’s Wort denken: C’est l’homme de France, qui connait le mieux les affaires d’Odessa, denn alle Augenblicke sprach ihm Jemand von diesem Orte, um sich angenehm zu machen, ohne daß diese Affectation dem Herzog aufzufallen schien.
Der Kaiser von Rußland war ungemein herablassend. Er nahm verschiedenen Damen die Theetassen ab und entzückte Alles durch seine Affabilität. Die ihn umgebenden Russen ahmten mit Glück dem hohen Vorbilde nach. Capo d’Istrias machte hiervon die einzige Ausnahme. Dieser schien fast für sich allein stehen zu wollen.