Was ist die Ursach, daß Niemand nach Oestreich kommen kann, ohne ein Gefühl zu haben, als sey es Sonntag, wie kömmt es, daß Niemand, kein Deutscher wenigstens, den Oestreich’schen Kaiser sehen kann, ohne sich ihm herzlich und ehrfurchtsvoll zugethan zu fühlen? Es ist ein eigner Zauber über Herr und Land dort ausgebreitet, der sich in der Geschichte gar sehr und oft bemerkbar gemacht hat, den man aber dennoch vielleicht schneller fühlt, als definiren kann. Die Persönlichkeit thut viel dabei, aber bei weitem nicht Alles.
Viele Blicke zog der Herzog von Wellington auf sich. Damals glänzte er noch im militairischen Lorbeerkranz allein, die Civildornenkrone war noch nicht auf diesen gedrückt worden. Er sah stolz und vornehm aus. Sein Gesicht verrieth Nachdenken und Kraft, aber wenig Genie, eine zwar ganz ausgefüllte, aber enge Peripherie.
Lord Castlereagh, blaß und kummervoll lächelnd, glich einem Vampyr, dem die Nahrung ausgegangen ist, der Staatskanzler Hardenberg neben ihm, einem edlen, feinen und genialen, aber bereits große Spuren der Schwäche verrathenden, Greise. Sein Anstand war zwar ganz der eines vollendeten Weltmannes, aber im Vergleich mit dem des Fürsten Metternich weniger gebietend und ungezwungen, ja manchmal fast timide zu nennen.
Eine wahre antike Gruppe bildete der alte, sich damals in Ungnade befindende, General Benningsen mit seiner Frau. Schon beinahe ganz blind, mit schlohweißem, gelocktem Haar, groß, imposant, leidend und abgemagert, erinnerte er, von der schönen jungen Polin geführt, lebhaft an Belisar. Er erweckte auch außerdem noch manches ernste Nachdenken. — Seine Conversation entsprach jedoch diesem ausdrucksvollen Aeußern wenig. Er redete von nichts, als Pferden und der Schlacht von Eylau, wo es doch grade nur an ihm lag, wie Viele behaupten, daß Napoleon nicht schon damals eine complete Niederlage erlitt. Der vortreffliche Rath des preußischen Generals scheiterte an seiner Aengstlichkeit.
Jetzt setzte sich Madame Catalani ans Fortepiano. Der russische Kaiser, stets dienstfertig, rückte ihr das Notenpult zurecht. Sie begann: God... in dem Augenblick erschallte ein Posthorn dermaßen schmetternd unter den Fenstern des niedrigen Hauses, daß, nicht ohne einiges verbissene Gelächter der Umstehenden, die erhabene Sängerin einhalten mußte. Die Deligence fuhr vorüber, und sie begann von neuem: God save.... aber weiter kam sie wieder nicht, denn der Beiwagen mit einem gleich musikalischen Postillon war seiner Prinzipalin nachgeeilt, und leider ertönte das zweite Posthorn noch falscher als das erste. Jetzt war an keinen Ernst mehr zu denken, Alles lachte laut, und die bestürzte Sängerin mußte erst wieder eine Rhabarberwurzel kauen (welche Madame Catalani stets bei sich führte), ehe sie von neuem intoniren konnte. Diesmal gelang es ihr jedoch, ohne weitere Unterbrechung, God save the king vollständig heraus zu bringen.
Ich nahm beim Nachhausefahren einen Grafen mit, dem seine Grafschaft abhanden gekommen war, und der die Verlorne auf dem Congresse wie eine Stecknadel suchte, einstweilen aber, außer seiner altholländischen Uniform, nichts mehr sein nannte. Es war ein komischer Alter, dem das Unglück wenig von seinem Embonpoint genommen hatte, denn die abgetragene Uniform saß noch so prall über seinem dicken Bauche, als hätte, wie bei einem unserer verstorbenen Gardemajors, ein eiserner Faßreifen sie zusammen gehalten.
Er machte sich über viele der eben von uns verlassenen Carricaturen nicht ohne Laune, zuweilen sogar mit Bitterkeit, lustig. Es gab aber auch wirklich seltsame Wesen darunter! Der Lady C.... gebührte vor allen der Rang. Ihre Toilette, ihre Figur, ihre Conversation, alles war aus einem Stücke. Mit ihrem tiefen Organ, ihrer colossalen Gestalt, ihrem ungeheuren Busen, ihren, bei jedem Wort nickenden Straußfedern auf dem Haupte, erschien sie zu gleicher Zeit wie der Champion, und auch wie die Amme von Altengland. Ich habe schon früher einmal erwähnt, daß sie gewöhnlich das Hosenband ihres Mannes als Trophäe auf der Stirn trug. Wer ihr aber vollends im Negligee, in zwei bis drei Ueberröcke gehüllt, ein großes, rothes Tuch um den Mund gebunden, und einen breitkrämpigen Hut auf den Kopf gestülpt, früh zu Pferde begegnete, hätte darauf geschworen, den verkleideten Falstaff in den lustigen Weibern zu Windsor in eigner Person vor sich zu sehen.
Deutsche Damen gab es wenig in Aachen, die wenigen waren aber ein Muster der Liebenswürdigkeit. Ich nenne nur die Fürstin von Thurn und Taxis und ihre reizende jüngere Tochter. Damit es aber doch auch hier an einem lächerlichen Elemente nicht fehle, (so gut hatte die erfahrne Wirthin für Alles gesorgt) declamirte Elise Bürger, roth und weiß angestrichen wie ein Perückenstock, mit schauderhaftem Pathos: