„Erzähle mir darüber genauer heute abend, ich will dir auch später etwas sagen. Er interessiert mich sehr! Nach einer halben Stunde will ich ihn aufsuchen ... Ein Fieber wird übrigens nicht folgen.“
„Ich danke dir. Ich will unterdessen bei der lieben Praskovja warten und will durch Nastasja ihn beobachten lassen ...“
Raskolnikoff blickte voll Ungeduld und traurig Nastasja an; sie aber zögerte wegzugehen.
„Willst du jetzt Tee trinken?“ fragte sie ihn.
„Nachher! Ich will schlafen! Laß mich ...“ Er wandte sich krampfhaft der Wand zu. Nastasja ging hinaus.
VI.
Kaum aber war sie hinausgegangen, als er aufstand, die Tür zuhakte, das Bündel mit Kleidern, das Rasumichin vorhin gebracht und wieder zugebunden hatte, aufmachte und sich anzukleiden begann. Merkwürdig, plötzlich schien er völlig ruhig geworden zu sein, weder das halbwahnsinnige Phantasieren, wie vorhin, noch die panische Angst, wie in der ganzen letzten Zeit, waren vorhanden. Es war der erste Augenblick einer seltsamen Ruhe. Seine Bewegungen waren bestimmt und klar, eine feste Absicht lag in ihnen. „Heute noch, heute noch! ...“ murmelte er vor sich hin. Er begriff jedoch, daß er noch schwach sei, aber eine starke, seelische Spannung, die sich bis zur Ruhe, bis zu einer unerschütterlichen Idee gesteigert hatte, verlieh ihm Kraft und Selbstbewußtsein; er hoffte auch, daß er auf der Straße nicht hinstürzen würde. Nachdem er sich neu angezogen hatte, erblickte er das Geld, das auf dem Tische lag, dachte nach und steckte es in die Tasche. Es waren fünfundzwanzig Rubel. Er nahm auch das Kupfergeld, den Rest von den zehn Rubeln, die Rasumichin für die Kleidung ausgegeben hatte. Dann hob er leise den Haken ab, ging aus dem Zimmer, stieg die Treppe hinab und warf einen Blick in die weit geöffnete Küche! Nastasja stand mit dem Rücken gegen ihn und blies gebückt in den Samowar. Sie hatte nichts gehört. Wer konnte auch voraussetzen, daß er fortgehen würde? Nach einer Minute war er schon auf der Straße.
Es war gegen acht Uhr, die Sonne ging unter. Es herrschte die frühere Schwüle, aber er atmete gierig diese stinkende, staubige, durch die Stadt verpestete Luft ein. Der Kopf begann ihm ein wenig zu schwindeln; eine wilde Energie blitzte in seinen entzündeten Augen und in seinem abgemagerten, bleichen, gelben Gesichte auf. Er wußte nicht und dachte auch nicht nach, wohin er wollte; er wußte bloß eins, „daß man alles heute noch, mit einem Schlage, sofort beenden müsse, daß er anders nicht nach Hause zurückkehren würde, weil er nicht so weiterleben wolle. Wie enden? Wodurch? Davon hatte er keinen Begriff und wollte auch daran nicht denken. Er verscheuchte den Gedanken, der ihn quälte. Bloß eins fühlte und wußte er, daß alles sich ändern müsse, so oder so; einerlei wie,“ wiederholte er mit einer verzweifelten, starren Entschlossenheit und Festigkeit.
Nach seiner Gewohnheit ging er wieder dem Heumarkt zu. Kurz vor dem Heumarkte stand auf der Straße vor einem kleinen Laden ein junger schwarzhaariger Mann mit einem Leierkasten und spielte ein rührseliges Stück. Er begleitete ein fünfzehnjähriges Mädchen, das vor ihm auf dem Fußsteig stand und wie eine Dame mit Krinoline, Mantille, Handschuhen und einem Strohhut mit einer Feder von flammendem Rot bekleidet war; alles war alt und abgetragen. Sie sang in Erwartung einer Zweikopekenmünze eine Romanze mit zitternder, aber nicht unangenehmer und kräftiger Straßenstimme. Raskolnikoff blieb neben ein paar anderen Zuhörern stehen, hörte zu, nahm ein Fünfkopekenstück und legte es in die Hand des jungen Mädchens. Sie brach bei der höchsten und rührseligsten Note ab, rief dem Leiermann scharf „Schluß!“ zu, und beide wanderten weiter zu dem nächsten Laden.
„Haben Sie Straßengesang gern?“ wandte sich plötzlich Raskolnikoff an einen nicht mehr jungen Mann, der neben ihm stand und das Aussehen eines Bummlers hatte. Dieser blickte ihn erschrocken und verwundert an.