Raskolnikoff trat zu Katerina Iwanowna.
„Katerina Iwanowna,“ begann er. „Ihr verstorbener Gatte erzählte mir in der vorigen Woche sein ganzes Leben und alle seine Verhältnisse ... Seien Sie versichert, daß er von Ihnen mit Wärme und Achtung sprach. Seit diesem Abend, als ich erfuhr, wie er an Ihnen hing und wie er Sie, Katerina Iwanowna, besonders hochschätzte und liebte, trotz seiner unglücklichen Schwäche, seit diesem Abend waren wir Freunde ... Erlauben Sie mir jetzt also ... Ihnen behilflich zu sein ... meinem verstorbenen Freunde die letzte Ehre erweisen zu können. Sehen Sie, hier habe ich ... zwanzig Rubel, glaube ich ... und wenn dies Ihnen eine Hilfe sein kann, so ... ich ... will mit einem Worte wiederkommen, ... ich komme unbedingt ... ich komme unbedingt ... ich komme vielleicht schon morgen zu Ihnen ... Leben Sie wohl!“
Und er ging schnell aus dem Zimmer und drängte sich durch die Menge, da aber stieß er plötzlich mit Nikodim Fomitsch, dem Polizeikommissar, zusammen, der von dem Unglück gehört hatte und persönlich Anordnungen treffen wollte. Seit dem Auftritt im Polizeibureau hatten sie einander nicht gesehen, aber Nikodim Fomitsch erkannte ihn sofort.
„Ah, Sie sind hier?“ fragte er.
„Er ist gestorben,“ antwortete Raskolnikoff. „Ein Arzt war dagewesen, auch ein Priester war da, alles ist in Ordnung. Regen Sie die arme Frau nicht auf, sie hat ohnedem die Schwindsucht. Flößen Sie ihr Mut ein, so gut Sie können ... Sie sind ja ein guter Mensch, ich weiß es ...“ fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu und blickte ihm in die Augen.
„Wie Sie sich mit Blut befleckt haben,“ bemerkte Nikodim Fomitsch, als er beim Lichte der Laterne einige frische Flecken auf der Weste Raskolnikoffs erblickte.
„Ja, ich habe mich bespritzt ... ich bin mit Blut bedeckt!“ sagte Raskolnikoff mit einem eigentümlichen Ausdruck, lächelte, nickte ihm zu und ging die Treppe hinab. Er stieg langsam hinab, ohne sich zu beeilen, tief ergriffen, voll von einem einzigen, neuen, unermeßlichen Gefühl, das als volle und mächtige Lebenswelle über ihn gekommen war. Ein Gefühl, das dem eines zu Tode Verurteilten gleichen mochte, dem man unerwartet die Begnadigung mitgeteilt hatte. Auf der Treppe überholte ihn der Priester, der nach Hause ging; Raskolnikoff ließ ihn schweigend an sich vorübergehen und wechselte mit ihm einen stummen Gruß. Als er aber die letzten Stufen hinabschritt, hörte er eilige Schritte hinter sich. Jemand wollte ihn einholen. Es war Poljenka, sie lief ihm nach und rief: „Hören Sie, hören Sie doch!“
Sie kam die letzte Treppe herab und blieb eine Stufe über ihm stehen. Ein schwaches Licht drang vom Hofe herein. Raskolnikoff schaute in das magere, aber liebe Gesichtchen des kleinen Mädchens, das ihm zulächelte und ihn fröhlich, nach Kinderart, ansah. Sie war mit einem Auftrage gekommen, der ihr selbst sehr zu gefallen schien.
„Sagen Sie mir, wie heißen Sie denn? ... und noch ... wo wohnen Sie denn?“ fragte sie ihn hastig mit erstickendem Stimmchen.
Er legte beide Hände auf ihre Schultern und blickte sie glücklich an. Es war ihm wohltuend, sie anzusehen, – er wußte selbst nicht warum.