„Er hat Lidotschka mehr als uns alle geliebt,“ fuhr sie mit dem gleichen Ernste fort, „er liebte sie, weil sie klein und krank ist, und er brachte ihr immer etwas mit, uns aber lehrte er das Lesen, und mich Grammatik und Religion,“ fügte sie mit Stolz hinzu, „Mama sagte nichts dazu, aber wir wußten doch, daß sie das gern hatte, und Papa wußte es auch. Mama will mich Französisch lehren, es ist Zeit, daß ich eine Erziehung erhalte.“

„Kannst du auch beten?“

„Oh, gewiß können wir es. Schon lange, ich bete, seitdem ich groß bin, allein für mich, Kolja und Lidotschka beten laut mit Mama; zuerst sagen sie das Gebet an die Gottesmutter und dann noch ein Gebet, ‚lieber Gott, verzeihe und segne Schwesterchen Ssonja,‘ und dann ‚lieber Gott, verzeihe und segne unsern andern Papa,‘ denn unser älterer Papa ist schon gestorben, dieser war unser zweiter Papa, doch wir beten auch für ihn.“

„Poletschka, ich heiße Rodion; bete auch für mich einmal, – ‚für den Gottesknecht Rodion‘ – und mehr nicht.“

„Ich werde mein ganzes künftiges Leben für Sie beten,“ sagte eifrig das kleine Mädchen, lachte wieder heiter und umarmte ihn von neuem. Raskolnikoff nannte ihr seinen Namen, gab ihr seine Adresse und versprach, morgen unbedingt zu ihr zu kommen. Das kleine Mädchen ging völlig entzückt von ihm. Es war die elfte Stunde, als er auf die Straße hinaustrat. Nach fünf Minuten stand er auf der Brücke, genau an derselben Stelle, wo vorhin die Frau sich ins Wasser gestürzt hatte.

„Genug!“ sagte er entschlossen und feierlich, „fort mit den Traumgebilden, fort mit den eingebildeten Schrecken, fort mit den Gespenstern! ... Es gibt noch ein Leben! Habe ich eben nicht gelebt? Mein Leben ist noch nicht mit der alten Witwe gestorben! Möge ihr das Himmelreich beschieden sein und, – und genug, Mütterchen, es ist Zeit für dich zu ruhen! Das Reich der Vernunft und des Lichtes ist jetzt gekommen! ... und ... und des Willens ... und der Kraft ... und nun wollen wir sehen! Wir wollen unsere Kräfte messen“ fügte er herausfordernd hinzu, als wende er sich an eine dunkle Macht und fordere sie zum Kampfe auf. „Und ich war schon bereit, mich auf den ellenlangen Raum einzurichten!“

„... Sehr schwach fühle ich mich in diesem Augenblicke, aber ... es scheint, die Krankheit ist vorüber. Ich wußte, daß sie vergehen wird, als ich vor kurzem wegging. Wie ist mir denn – ist nicht das Haus Potschinkoff kaum zwei Schritte von hier. Jetzt gehe ich zu Rasumichin, wenn es auch nicht nur zwei Schritte wären ... mag er die Wette gewinnen! ... mag er auch sein Vergnügen haben, – tut nichts, mag er es haben! Kraft, Kraft ist nötig, – ohne Kraft kann man nichts überwinden, und die Kraft muß wieder durch Kraft erworben werden, aber davon haben sie keine Ahnung,“ fügte er stolz und selbstbewußt hinzu, und konnte kaum seine Füße noch heben. Der Stolz und das Selbstvertrauen wuchsen mit jeder Minute in ihm; im nächsten Augenblicke war er schon ein anderer Mensch als in dem vorhergehenden. Was war mit ihm Besonderes vorgegangen, das ihn so verwandelt hatte? Er wußte es selbst nicht; ihm war es wie einem Menschen, der nach einem Strohhalm greift, um sich zu retten; und es war ihm, als ob es noch Leben gab für ihn, als ob sein Leben mit der Alten nicht gestorben sei. Vielleicht war er zu eilig mit der Schlußfolgerung, aber daran dachte er nicht.

„Den Gottesknecht Rodion soll sie im Gebet nennen,“ durchfuhr es ihn, „und das ist ... für alle Fälle!“ fügte er hinzu, und mußte selber über den Einfall lachen.

Er befand sich in ausgezeichneter Stimmung.

Rasumichin fand er mit Leichtigkeit; im Hause Potschinkoff kannte man schon den neuen Mieter, und der Hausknecht zeigte ihm sogleich den Weg. Auf der halben Treppe konnte man den Lärm und die lebhaften Stimmen einer großen Gesellschaft vernehmen. Die Türe zur Treppe war sperrangelweit auf; man hörte, wie geschrien und gestritten wurde. Rasumichins Zimmer war ziemlich groß, und es waren etwa fünfzehn Menschen bei ihm. Raskolnikoff blieb im Flure stehen. Hier, hinter einer Rollwand, waren zwei Mädchen der Wirtsleute mit zwei großen Samowars beschäftigt, hier standen Flaschen, Teller und Schüsseln mit Pasteten und Imbiß, die aus der Küche der Wirtsleute hierher geschafft worden waren. Raskolnikoff ließ Rasumichin herausholen. Der kam freudig überrascht herausgelaufen. Man merkte beim ersten Blick, daß er ungewöhnlich viel getrunken hatte, und obwohl Rasumichin sich nie betrunken hatte, konnte man es ihm dieses Mal doch anmerken.