„Und ich habe von Ihnen noch durch den Verstorbenen gehört ... Ich kannte bloß damals Ihren Namen nicht, und auch er selbst wußte ihn nicht ... Jetzt aber kam ich ... und als ich gestern Ihren Namen hörte ... da fragte ich heute: wo wohnt hier Herr Raskolnikoff? ... Und ich wußte nicht, daß Sie auch ein Zimmer gemietet ... Leben Sie wohl ... Ich will Katerina Iwanowna ...“
Sie war sehr froh, daß sie endlich loskam; und ging mit gesenktem Kopfe eilig, um nur schneller aus ihren Augen zu verschwinden, um nur schneller diese zwanzig Schritte bis zur Biegung nach rechts in die Seitenstraße zu durcheilen und endlich allein zu sein; um im schnellen Gehen, ohne jemand anzublicken und unbeachtet, nachzudenken, sich zu erinnern und jedes Wort und jeden Umstand sich zurückzurufen. Nie, nie hatte sie Ähnliches empfunden. Eine ganz neue Welt war unbekannt und dunkel in ihre Seele gedrungen. Sie erinnerte sich plötzlich, daß Raskolnikoff heute selbst zu ihr kommen wollte, vielleicht schon heute morgen, vielleicht gleich!
„Besser nicht heute, bitte, nicht heute!“ – murmelte sie mit stockendem Herzen, als flehe sie jemand an, wie ein erschrecktes Kind. – „Herrgott! Zu mir ... in dies Zimmer ... er wird sehen ... oh, Gott!“
Sie konnte sicher in diesem Augenblicke den fremden Herrn nicht bemerken, der eifrig sie beobachtete und ihr auf den Fersen folgte. Er begleitete sie schon von dem Tore der Wohnung Raskolnikoffs an. In dem Augenblicke, als alle drei, Rasumichin, Raskolnikoff und sie auf dem Fußsteige, um ein paar Worte zu wechseln, stehen blieben, schien dieser Vorübergehende plötzlich aufzufahren, als er an ihnen vorbeiging und zufällig die Worte Ssonjas auffing, – „da fragte ich, wo wohnt hier Herr Raskolnikoff?“ Er warf einen schnellen, aber aufmerksamen Blick allen dreien zu, besonders aber Raskolnikoff, an den sich Ssonja wandte, sah dann das Haus an und merkte es sich. Dies alles war in einem kurzen Augenblick, im Vorbeigehen geschehen und unauffällig, nun verminderte er seine Schritte, als wartete er. Er wartete auf Ssonja, denn er hatte gesehen, daß sie sich verabschiedete und wohl sofort nach Hause gehen würde.
„Aber wohin nach Hause? Ich habe dieses Gesicht irgendwo gesehen,“ – dachte er und forschte in seiner Erinnerung nach dem Gesicht Ssonjas, – „... ich muß es erfahren.“ Als er die Biegung erreichte, ging er auf die andere Seite der Straße hinüber, wandte sich um und sah, daß Ssonja denselben Weg wie er eingeschlagen hatte und ihn nicht gewahrte. Sie bog in dieselbe Straße ein. Er verlor sie nicht aus den Augen und ging nach etwa fünfzig Schritten wieder auf dieselbe Seite hinüber, auf der Ssonja dahinschritt, holte sie ein und folgte ihr auf fünf Schritt Entfernung. – Es war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, etwas mehr als mittelgroß, wohlbeleibt, mit breiten und schrägen Schultern, was ihm ein etwas gebücktes Aussehen verlieh. Er war elegant und bequem gekleidet und sah ansehnlich aus. In den Händen trug er einen hübschen Stock, den er bei jedem Schritt auf das Trottoir aufstieß, und seine Hände staken in neuen Handschuhen. Sein breites Gesicht mit hervorstehenden Backenknochen war nicht unangenehm, und seine Gesichtsfarbe frisch, nicht von Petersburger Art. Sein noch sehr dichtes Haar war ganz hellblond und kaum leicht ergraut, und der breite dichte Bart, der wie eine Schaufel herabhing, war noch heller als das Kopfhaar. Seine blauen Augen blickten kalt, durchdringend und sinnend; die Lippen waren rot. Überhaupt war er ein ausgezeichnet konservierter Mann und schien bedeutend jünger zu sein, als er war.
Als Ssonja auf den Kanal hinauskam, waren sie beide allein auf dem Fußsteige. Während er sie beobachtete, hatte er schon ihre Nachdenklichkeit und Zerstreutheit bemerkt. Als Ssonja ihr Haus erreichte, ging sie durch das Tor, er folgte ihr und schien überrascht zu sein. Im Hofe bog sie rechts in die Ecke ab, wo die Treppe zu ihrer Wohnung war. „Ah!“ – murmelte der Unbekannte und begann hinter ihr her die Stufen hinaufzusteigen. Hier erst bemerkte ihn Ssonja. Sie ging bis ins dritte Stockwerk, bog in den Korridor ein und klingelte an der Türe Nr. 9, wo mit Kreide – „Kapernaumoff, Schneider“ – angeschrieben war. „Ah!“ – wiederholte der Unbekannte, verwundert über dieses seltsame Zusammentreffen, und klingelte an der Türe Nr. 8. Beide Türen waren voneinander kaum sechs Schritte entfernt.
„Sie wohnen bei Kapernaumoff!“ sagte er, blickte Ssonja an und lachte. „Er hat mir gestern eine Weste umgeändert. Und ich wohne hier neben Ihnen bei Madame Gertrude Karlowna Rößlich. Wie sich das trifft!“ Ssonja schaute ihn aufmerksam an.
„Wir sind also Nachbarn,“ fuhr er besonders freundlich fort. „Ich bin erst seit drei Tagen in der Stadt. Nun, vorläufig auf Wiedersehen.“
Ssonja antwortete nicht; die Tür wurde geöffnet und sie schlüpfte hinein. Sie schämte sich und schien sich zu ängstigen ...